Bueller, Bueller... wie gut bist du gealtert? (#200)
🌱 #DRANBLEIBEN Denkanstoss über den 40. Geburtstag eines Kultfilms, und was er mit heute (noch) zu tun hat.
Du liest #DRANBLEIBEN - Einordnungen zu Tech und Gesellschaft, von André Cramer. Ich bin Berater, Speaker und Podcast-Host von DRANBLEIBEN - Gespräche über unsere Zukunftsoptionen und Code & Konsequenz - Tech-Industrie Reflexionen. Lerne mehr über mich hier auf meiner Website, auf LinkedIn, Bluesky oder Mastodon!
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Zweihundert Ausgaben! Am 3. Oktober 2019 ging es los, damals noch unter dem Namen „Am-Ball-bleiben” (das wurde mir dann doch irgendwann zu fußballig…) und für lange Zeit rein als Reading Digest. In diesen Tagen habe ich eine Weile überlegt, was ich damit mache, mit einer Jubiläumsausgabe. Rückblick, Bestenliste, Danksagung an alle, die dranbleiben? Alles schon dagewesen, alles ein bisschen brav.
Also etwas anderes. Es sind Sommerferien (zumindest in den meisten Bundesländern, zumindest in meinem), und einer meiner Lieblingsfilme, der immer eine besondere Bedeutung für mich hatte, ist gerade vierzig geworden. „Ferris macht blau” / Ferris Bueller’s Day Off kam im Sommer 1986 in die US-Kinos. Ich habe ihn als Kind und Jugendlicher gesehen und danach noch oft. Sehr, sehr oft.
Losgegangen ist es mit einem Buch. Jason Klamm hat zum Jubiläum „Ferris Bueller … You’re My Hero” veröffentlicht, eine Oral History mit über hundert Interviews und mit Zugriff auf die verschiedenen Drehbuchfassungen. Ich lese es gerade. Dazu kam ein Text von Megan Garber im Atlantic, die Ferris als Influencer liest. Und dann habe ich den Film noch einmal geschaut.
Mein Plan war eine leichte Ausgabe zum 200. Popkultureller Anker, Sommerlaune, ein paar hübsche Querverbindungen. Herausgekommen ist aber etwas anderes, etwas Ungemütlicheres.
Der Film funktioniert nämlich immer noch. Er ist schnell, er ist witzig und er trägt. Aber die Figur, die ich als Jugendlicher am meisten mochte, funktioniert für mich heute eher nicht mehr. Das ist ein unangenehmer Befund, wenn man seit Jahrzehnten ein Motto aus diesem Film mit sich herumträgt (ich liebe mein SAVE FERRIS T-Shirt ❤️).
Damit gehe ich in diese Ausgabe. Warum hält der Film nach vierzig Jahren, warum nicht? Was sehe ich heute darin, was mir damals völlig entgangen ist? Und was mache ich mit der Erkenntnis, dass ausgerechnet der Held die Figur ist, die für mich am schlechtesten gealtert ist?
Viel Freude beim Lesen, und wie immer freue ich mich über Rückmeldungen!
Und ja, ich weiß, das ist eine reichlich ungewöhnliche Ausgabe. Ich halte hier Szenen aus einem vierzig Jahre alten Teeniefilm neben Themen, die mich und vielleicht auch dich in 2026 umtreiben, und ich behaupte gar nicht, dass jede einzelne Verbindung sitzt. Mir hat es aber großen Spaß gemacht, und ich hoffe, dir beim Lesen auch.
P.S. Falls du den Film nicht kennst, kannst du ihn hier schauen und dir hier eine Zusammenfassung in unter 3 Minuten anschauen
Ferris Bueller, you’re my hero
Ich bin in der Provinz groß geworden. Kleinstadt, eigentlich weniger als das, überschaubare Verhältnisse, klare Erwartungen. Ich war sogar Mitglied der Jungen Union. Das schreibe ich ohne Koketterie, es war eben so in einer Gegend, wo die Union in der Regel über 60% abgeräumt hat. Man ging da hin, weil andere hingingen, weil es Struktur gab und weil mir Politik dort als etwas Erwachsenes vorkam.
Und dann gab es da diesen Film.
Ferris Bueller schwänzt die Schule. Er täuscht eine Krankheit vor, überredet seinen besten Freund, holt seine Freundin aus dem Unterricht, nimmt sich den Ferrari eines fremden Vaters, isst in einem Restaurant, in das er nicht gehört, kapert eine Parade und liegt abends pünktlich wieder im Bett. Er gewinnt jede einzelne Runde. Und er redet dabei mit dir, direkt in die Kamera.
Für einen Jungen wie mich damals war das ein perfektes Angebot. Ferris ist unangepasst und gefährdet dabei nichts. Seine Rebellion hat genau einen Gegner, den Schulleiter. Die Ordnung dahinter bleibt unberührt. Man kann Ferris feiern und am nächsten Abend pünktlich bei der JU sitzen. (OMG…)
Damals ist mir das nicht aufgefallen. Heute ist es das Erste, was ich sehe. Domestizierte Unangepasstheit ist ein hervorragendes Angebot an junge Leute, die sich frei fühlen wollen und nichts riskieren möchten. Ich war die Zielgruppe.
Geblieben ist mir vor allem eine Parole. SAVE FERRIS. Ich habe sie mir irgendwann angeeignet, und sie bedeutet für mich seitdem ungefähr Folgendes. Das Lockere nicht sterben lassen. Das Kindische verteidigen. Sich das Unvernünftige leisten, bevor man es sich abgewöhnt hat. Dazu Ferris’ bekanntesten Satz, den halb Amerika in Jahrbücher geschrieben hat. Das Leben ist ziemlich schnell, und wer nicht ab und zu stehen bleibt und sich umschaut, verpasst es.
Das ist auf dem Papier ein Kalenderspruch. Er hat trotzdem funktioniert, jahrzehntelang, und er funktioniert bis heute.
Inzwischen bin ich aber misstrauisch gegen meine eigene Rührung. Das Gefühl, früher sei irgendetwas leichter gewesen, ist ein bewirtschafteter Rohstoff geworden. Ganze politische Angebote bestehen aus wenig anderem. Wer mir erzählt, es habe einmal eine Zeit gegeben, in der man einfach machen konnte, verkauft mir in der Regel etwas. Bei einem Film, den ich seit meiner Jugend liebe, ist dieses Misstrauen besonders angebracht. Ich habe hier ja ein Interesse.
Und dann ist mir beim Wiedersehen aufgefallen, was SAVE FERRIS im Film eigentlich ist.
Ferris ist gesund. Er liegt nicht im Bett, er fährt durch Chicago. Die Parole entsteht, weil ein Gerücht durch seine Kleinstadt Shermer läuft und unterwegs immer dramatischer wird. Eine ganze Kleinstadt mobilisiert für ein Leiden, das es nicht gibt.
Ich trage seit Jahrzehnten eine Parole mit mir herum, deren Inhalt eine Falschmeldung ist. 🤯 So kann man es auch ausdrücken…
Ein Held ohne Innenleben
Beim letzten Wiedersehen habe ich mal bewusst darauf geschaut, wer in diesem Film ein Innenleben hat.
Cameron, Ferris’ bester Freund, hat eins. Er ist depressiv (siehe dazu auch eigener Abschnitt weiter unten), er hat Angst vor seinem Vater, er verändert sich im Lauf des Tages. Jeanie, seine Schwester, hat eins. Sie ist gekränkt, weil ihr Bruder mit allem durchkommt, und sie hat damit recht. Sogar Schuldirektor Rooney hat eins. Er hat Angst um seine Autorität, und er spricht sie aus.
Ferris hat keins.
Er hat keinen schlechten Tag. Er hat kein Bedürfnis, das unerfüllt bleibt. Er bittet nie um etwas, das er nicht bekommt. Er ist immer verfügbar, immer gut gelaunt, immer gemocht und immer auf deiner Seite. Ich habe das jahrzehntelang für Coolness gehalten.
Dazu kommt, dass wir alles von ihm erzählt bekommen. Er durchbricht die vierte Wand von Anfang an und lässt sie danach offen. Er vertraut sich uns an, er gibt uns Ratschläge, er liefert eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Krankfeiern im Tonfall eines Teleshopping-Spots.
Der Höhepunkt ist die Parade in Chicago. Ferris springt auf einen fremden Umzugswagen der deutschen Parade und singt Twist and Shout vor einer Menge, die für etwas ganz anderes gekommen ist. Ferris-Darsteller Matthew Broderick erzählt, ein Radiosender habe damals einen Wettbewerb ausgelobt, es seien zehntausend Leute erschienen, und das habe sich echt angefühlt. Im Film ist die Szene eine Geste für Cameron. Schaut man heute hin, lässt sich die Assoziation zu Content nicht verleugnen.
Und dann zähle ich einmal zusammen, was an diesem einen Tag gefälscht wird. Eine Elternstimme am Telefon, eine Türsprechanlage, ein Datensatz im Schulcomputer, eine körperliche Anwesenheit, hergestellt aus einer Puppe und einem Seilzug, eine fremde Identität im Restaurant. Und es sind sicher noch mehr.
Das sind also mindestens fünf gefälschte Vertrauenssignale, und alle fünf funktionieren. Jedes einzelne davon ist vierzig Jahre später eine reale Angriffsfläche, Stimmklon eingeschlossen (KI, ick hör’ dir trapsen). Der Film verkauft das als Charme.
Am schönsten ist die Restaurantszene. Ferris behauptet im feinen Restaurant Chez Quis, er sei Abe Froman, der Würstchenkönig von Chicago. Der Oberkellner weiß, dass das Unsinn ist. Widerlegen kann er es in diesem Moment doch nicht, weil das Auftreten stimmt. Selbstsicher vorgetragener Unsinn schlägt begründeten Zweifel. Das ist quasi die Plausibilitätsfalle, von der ich im KI-Kontext oft rede, in einer einzigen Szene. Und sie ist fast besser als jede Definition, die ich je dafür geschrieben habe.
Was mich beim Wiedersehen dann wirklich beschäftigt hat, ist die Frage, wie diese Figur eigentlich entstanden ist.
Buchautor Klamm hat für sein Ferris-Buch Zugriff auf mehrere Drehbuchfassungen bekommen, und die zeigen, wie viel an Ferris geschraubt wurde. In einer frühen Version raucht er, viel. Er spielt auf seine Bong an. Zum Programm des Tages gehört ein Stripclub, in den er Sloane und Cameron mitschleppt. Für die Rolle war zeitweise Charlie Sheen im Gespräch.
Lindsay Doran, damals Führungskraft bei Paramount, kam aus dem öffentlichen Rundfunk. Sie sagt bei Klamm, wer im öffentlichen Fernsehen arbeite, sei sich sehr bewusst, welche Botschaften er aussende. Sie habe Regisseur John Hughes überzeugt, dass Ferris’ Aufsässigkeit ein Tagesausflug bleiben solle und keine Lebensform. Die Zigaretten verschwanden, der Stripclub verschwand und der Tag wurde deutlich harmloser.
Broderick beschreibt dieselbe Arbeit aus der Schauspielperspektive. Man habe nicht gewollt, dass Ferris jemand sei, den man ins Gesicht schlagen wolle, das sei ja immer die Gefahr bei Typen, die mit allem durchkommen. Und nach einem Testscreening sei eine Szene gestrichen worden, weil eine junge Zuschauerin gesagt habe, dieser Ferris würde sie zu Dingen bringen, die sie nicht wolle.
Hughes hat das Drehbuch in einer Woche geschrieben. Danach hat er monatelang daran gearbeitet. Diese Monate sind die eigentliche Arbeit an der Figur.
Entschärft wurden dabei seine Laster. Seine Folgenlosigkeit blieb unangetastet. Hughes habe im Lauf der Überarbeitung erkannt, dass sein Held unbesiegbar sein müsse, viele Hindernisse und fast keine Konsequenzen. Ferris bricht am Ende jede Regel, die er vorher auch gebrochen hat. Er bricht jetzt eben nur noch nette.
Das Ergebnis ist eine Figur, die auf Zustimmung hin geprüft wurde. Angenehm, glatt, gefällig, getestet.
An dieser Stelle kann ich den Film in meinen Arbeitsalltag kippen lassen. Wer ein KI-Modell um Feedback bittet und dabei durchblicken lässt, welches Feedback ihm lieber wäre, bekommt genau dieses Feedback. Flüssig, freundlich, brauchbar aussehend. Und es fühlt sich nach einem okay-en Ergebnis an.
Ein Unterschied bleibt, und der ist der eigentliche Punkt. Hughes hat sich entschieden. Er wusste, was er glättet und warum, und er hatte in Doran jemanden, der die Frage nach der Botschaft überhaupt gestellt hat. Im Alltag ganz vieler Menschen in der heutigen KI-dominierten Arbeitswelt sitzt in der Schleife zwischen Prompt und Output keine Doran. Da glättet niemand mit Absicht. Da glättet es einfach.
Broderick ist übrigens gefragt worden, was aus Ferris geworden sei. Der sei wohl wie sein Vater geworden, sagt er, so wie die meisten von uns (don’t agree!). Der Mann, der diese Figur gespielt hat, traut ihr keine Entwicklung zu. Ouch!
Shermer prüft nicht
Es gibt im Film eine phantastische Szene über Desinformation, die etwa zwanzig Sekunden dauert und ohne ein einziges technisches Gerät auskommt.
Ein Lehrer ruft im Unterricht Ferris’ Namen auf. Es ist die berühmte „Bueller… Bueller”-Szene. Keine Antwort. Eine Mitschülerin namens Simone meldet sich und erklärt, warum. Sie zählt dabei die Kette ab, über die sie die Information über Ferris bekommen habe. Die beste Freundin, deren Schwester, deren Freund, dessen Bruder, dessen Freundin, die einen Typen kennt, der ein Kind kennt, das mit dem Mädchen geht, das gesehen hat, wie Ferris zusammengebrochen ist. Dann fasst sie zusammen, es sei wohl ziemlich ernst.
Sechs Ecken, eine Zusammenfassung, keine Prüfung. Jede Station hat die Nachricht ein Stück dringlicher gemacht.
Was daraus wird, sieht man später von außen. Erst geht eine Schülerin mit einer Getränkedose durch die Flure und sammelt Geld für den kranken Jungen. Dann steht SAVE FERRIS in Großbuchstaben auf dem Wasserturm über der Stadt. Die Lokalzeitung titelt über eine Gemeinde, die sich um den kranken Jugendlichen schart, und Ferris’ Vater liest das im Taxi in der Zeitung, während sein Sohn im Taxi nebenan sitzt. Die Notrufzentrale weiß auch Bescheid.
Aus einem Gerücht ist da quasi soziale Infrastruktur geworden.
Beim Wiederanschauen des Films fand ich allerdings etwas anderes wichtiger als die Viralität. Die Leute in Shermer handeln aus echter Fürsorge. Sie sind weder dumm noch böswillig, sie wollen einem kranken Jungen helfen. Die Lüge lenkt ihr Mitgefühl um. Zerstört wird es dabei nicht.
Das ist die unbequemere Beobachtung über Desinformation, weil sie ohne Dummheit auskommt. Und wer Fürsorge gegen Prüfung ausspielt, verliert am Ende eben beides.
Und einer prüft ja doch… Direktor Rooney sitzt in seinem Büro vor dem Schulcomputer und schaut sich Ferris’ Fehlzeiten an. Ferris hängt zur selben Zeit an einem Modem und ändert den Eintrag. Rooney sieht zu, wie die Zahl vor seinen Augen zurückspringt, und kommt gegen den Datensatz nicht an. Der Mann hat recht, aber das System hat die Zahl.
Am unheimlichsten ist die Szene, in der überhaupt nichts passiert.
Während Ferris und seine Freunde durch Chicago ziehen, hält in seiner Schule ein Wirtschaftslehrer Unterricht. Er referiert das Zollgesetz von 1930, mit dem das republikanisch beherrschte Repräsentantenhaus die Zölle erhöhte, um mehr Einnahmen für den Bundeshaushalt zu erzielen. Dann fragt er in die Klasse, ob das funktioniert habe. Anyone? Anyone? Niemand antwortet, also antwortet er selbst. Es habe nicht funktioniert, und die USA seien tiefer in die Depression gerutscht. Ohne Pause geht er weiter zur Laffer-Kurve, also zu der Behauptung, Steuersenkungen finanzierten sich selbst, und fragt, wie ein republikanischer Vizepräsident die 1980 genannt habe. Voodoo economics!
Zwei Ideen in vier Minuten. Beide sind 2026 wieder Regierungspolitik. Crazy!
Die Rechnung liegt vor. Der durchschnittliche US-Zollsatz stieg 2025 von 2,6 auf 13 Prozent, und fast 90 Prozent der wirtschaftlichen Last trugen amerikanische Unternehmen und Verbraucher*innen. Die Zolleinnahmen kletterten von 79 auf 264 Milliarden Dollar, pro Haushalt rund 1.000 Dollar allein für 2025. Am 20. Februar 2026 entschied der Supreme Court mit sechs zu drei, dass die Rechtsgrundlage für einen großen Teil dieser Zölle nie existiert hat. Über andere Paragrafen läuft die Politik seitdem weiter.
Am schönsten ist die Entstehungsgeschichte dieser Szene. Ben Stein, der den Lehrer spielt, war als Besucher am Set. Hughes habe ihn wegen seiner Stimme angesprochen, ihm 360 Dollar geboten und ihn mit der Anweisung auf die Bühne geschickt, sich etwas auszudenken. Er habe dann über Zölle improvisiert, und das ganze Team habe gelacht.
Eine der hellsichtigsten Passagen des Films ist ein Ad-lib für 360 Dollar.
Es ist wirklich bemerkenswert, wie sich das in unsere heutige Zeit ziehen lässt. Die Information war da. Schon damals bei Ferris macht blau. Sie stand in der Shermer High School im Lehrplan, sie wurde laut vorgetragen, sie kam sogar mit der ausdrücklichen Frage, ob es funktioniert habe. Ein Schüler schläft mit dem Gesicht auf dem Tisch. Der Held des Films ist gar nicht erst gekommen.
Die Urteilskraftlücke entsteht selten da, wo Information fehlt. Sie entsteht da, wo Information langweilig ist und der Raum längst woanders hinschaut.
Über diesen Mechanismus habe ich hier schon einmal ausführlicher geschrieben. KI erfindet ihn nicht, sie verstärkt ihn. Ankereffekt, Bestätigungstendenz, die Bequemlichkeit des Naheliegenden. Was sich ändert, sind Frequenz, Dichte und Unsichtbarkeit. Verboten wird Urteilskraft dabei nie. Sie wird nur immer seltener abgefragt.
Anyone? Anyone? 🤯 Vierzig Jahre später kommt die Antwort. Und diskutiert wird das Motiv der Antwortenden.
Wer zahlt?
Der ganze verrückte Ferris-Tag kostet auch etwas. Man muss nur zusammenzählen, bei wem das am Abend landet.
Camerons Vater besitzt einen Ferrari 250 GT California, Baujahr 1961, und behandelt ihn besser als seinen Sohn. Im Film fuhr übrigens eine Replika, kein Original. Passt ins Bild. Am Abend des Day-Off-Tages liegt dieses Auto rückwärts in der Schlucht hinter dem Haus. Cameron entscheidet, dafür geradezustehen.
Seine Schwester Jeanie landet auf dem Polizeirevier. Ed Rooney verliert seine Würde und vermutlich seinen Job. Die Polizei und die Rettungsleitstelle von Shermer beschäftigen sich einen Arbeitstag lang mit einer Erkrankung, die es nicht gibt.
Ferris liegt pünktlich im Bett. Unversehrt, ungeschoren, mit einem guten Tag hinter sich.
Am aufschlussreichsten ist das Parkhaus.
Ferris und Cameron geben den Ferrari in einem Parkhaus in der Innenstadt ab. Der Angestellte verspricht, gut auf den Wagen aufzupassen. Kaum sind die drei um die Ecke, fahren er und sein Kollege los. Wir sehen die beiden über eine Kuppe springen, die Musik läuft, sie haben den besten Nachmittag ihres Lebens.
Dann bringen sie den Wagen zurück. Schranke, Schichtende und Feierabend.
Die gefahrenen Kilometer stehen auf dem Zähler, und der Zähler gehört Camerons Vater. Zwei Angestellte bekommen für eine Stunde einen Tag wie Ferris, ohne einen Ferrari, ohne Elternhaus, ohne Netz. Bezahlt wird das von jemandem, der nicht mal dabei war.
Ferris’ Lösungsvorschlag dafür ist dann auch instruktiv. Die Kids bocken das Auto auf und lassen es rückwärts laufen, damit der Kilometerzähler zurückgeht. Er geht nicht zurück. (Surprise!) Die Kilometer sind gefahren, der Verschleiß ist da, und die Zahl bewegt sich keinen Millimeter. So etwas verschwindet eben nicht dadurch, dass man an der Anzeige arbeitet.
Da liegt ein Mechanismus, der den ganzen Film trägt. Der Charme des Regelbrechers entsteht auch dadurch, dass die zahlende Person unsichtbar bleibt.
Zweimal zeigt der Film die Rechnung doch. Cameron kippt am Pool in eine Starre und fällt ins Wasser. Rooney geht zu Fuß zum Bus. In beiden Momenten wird die Sache sehr schnell sehr leise.
Eine zweite Frage ist mir als Jugendlicher überhaupt nicht gekommen. Wer kann sich so einen Tag eigentlich leisten?
Ein Ferrari. Ein Restaurant, in dem man sich einen Tisch erfinden muss. Taxifahrten quer durch Chicago. Eine Vorstadt, in der Schuleschwänzen ein Abenteuer ist und keine Bedrohung. Ferris’ Freiheit hat Voraussetzungen, und die stehen alle schon da, bevor der Tag beginnt. Der Film erzählt sie trotzdem als Charakterfrage.
Unsichtbare Rechnungen kenne ich auch aus meiner Arbeit in der Technologiebranche. Es gibt dort sogar einen Slogan dafür, move fast and break things. Was der Satz nie dazusagt, ist, wessen Sachen kaputtgehen.
Und wer sich meldet, um die Rechnung zu benennen, gilt in dieser Erzählung ziemlich schnell als Bremser und Party-Pooper.
Wer recht hat, bekommt ein hässliches Motiv
Es gibt einen bequemen Weg, ein unbequemes Argument loszuwerden. Man redet über das Motiv dessen, der es vorbringt.
Der Film führt das an zwei Figuren vor, und beide Male wirkt es auch heute noch.
Direktor Rooney hat recht. Er ist die einzige erwachsene Figur, die der Geschichte vom kranken Jungen keine Sekunde glaubt. Er zieht die Fehlzeiten heran, er fährt zum Haus, er sammelt Belege. Sein ganzer Arbeitstag besteht aus einer einzigen Prüfung: Ist dieser Junge wirklich krank? Er kommt zum richtigen Ergebnis, aber wir lachen ihn aus.
Der Film liefert den Grund gleich mit. Rooney sagt seiner Sekretärin, das Letzte, was er an diesem Punkt seiner Karriere brauche, seien fünfzehnhundert Ferris-Jünger in seinen Fluren. Da geht es um seine Stellung. Wahrheitssuche ist das keine, es ist Statusangst mit einem korrekten Ergebnis.
Bei Ferris’ Schwester Jeanie funktioniert es genauso. Sie weiß von Anfang an, dass ihr Bruder simuliert. Sie hat damit recht, und ihr Motiv ist Kränkung. Sie erträgt nicht, dass er mit allem durchkommt und sie mit nichts. Der Film zeigt sie als verbittert, und das Publikum nimmt es dankbar an. In vierzig Jahren habe ich noch niemanden getroffen, der Jeanie zugestimmt hätte.
Am Ende macht Jeanie eine Wendung. Auf dem Polizeirevier redet ein Junge mit Drogenproblemen auf sie ein, den dort niemand ernst nimmt. Er rät ihr sinngemäß, sich weniger um ihren Bruder zu kümmern und mehr um sich selbst. Kurz darauf deckt sie Ferris und wirft Rooney aus dem Haus.
Recht bekommt sie dabei nie. Sie hört einfach auf, ihre Sache vorzubringen, und wird dafür ins Lager der Sympathischen aufgenommen. Ihr Einwand war ja, dass für ihren Bruder andere Regeln gelten. Beantwortet wird er mit dem Rat, an sich selbst zu arbeiten.
Beide Figuren, die die Wahrheit sagen, bekommen ein Motiv, das ihre Aussage entwertet. Das Publikum kauft es, und zwar seit vier Jahrzehnten zuverlässig.
So läuft die Entwertung bis heute. Sie läuft über das unterstellte Motiv und fast nie über die Sache. Die ist doch nur frustriert. Der will bloß seine Pfründe sichern. Bedenkenträger, Regulierungswut, German Angst… um das mal auf aktuelle Kontexte zu übertragen. Wer bei KI auf die Bremse tritt, steht im Verdacht, um seinen eigenen Job zu fürchten.
Ein Beispiel dafür ist erst wenige Monate alt. Als die New Yorker Fed im Februar ihre Zahlen zu den Zöllen veröffentlichte, nannte Kevin Hassett, Direktor des Nationalen Wirtschaftsrats, das Papier peinlich und das schlechteste in der Geschichte des Fed-Systems. Die Autor*innen gehörten diszipliniert, ihr Ergebnis sei hochgradig parteiisch. Vierzig Jahre nach Ben Steins Frage kommt endlich die Antwort, und diskutiert wird das Motiv der Antwortenden.
An der Stelle wird es für mich unangenehm, weil der Verdacht ja manchmal zutrifft. Ich verdiene mein Geld damit, Organisationen zum Nachdenken zu bringen. Und ob da immer Urteilskraft arbeitet oder manchmal auch ein Berufsreflex, der meine Rolle absichert, kann ich nicht in jedem Fall sicher sagen.
Rooney bleibt trotzdem eine Warnung, und die zweite Hälfte des Films erklärt, warum.
Er hört ja nicht auf. Er fährt zum Haus der Buellers und bricht ein. Er kämpft mit einem Hund. Er durchsucht fremde Zimmer, er tritt gegen eine Tür, er liefert sich eine Verfolgungsjagd mit einer Jugendlichen. Ein erwachsener Mann in einer öffentlichen Position führt einen Privatkrieg gegen ein Kind und bricht dabei mehr Regeln als der, den er überführen will.
Der Punkt, an dem er kippt, ist gut zu erkennen. Es ist der Moment, in dem seine Prüfung zum Selbstzweck wird und die Kontrolle über das Ziel siegt. Danach hat er immer noch recht und macht trotzdem alles falsch.
Wie der Film das auflöst, ist dann wieder sehr heutig. Rooney wird nicht widerlegt und nicht zur Rechenschaft gezogen, es gibt keine Instanz und kein Verfahren. Er geht verdreckt zur Bushaltestelle, und ein Bus voller Schüler*innen sieht ihm dabei zu. Erniedrigung als Schlusspointe.
Auch das funktioniert seit vierzig Jahren, weil es sich gut anfühlt. Was sich seit 1986 geändert hat, ist das Werkzeug. Screenshot mit Kommentar, Quote Tweet, Stitch, Ratio. Wir kriegen den Bus inzwischen in elf Sekunden voll, digital.
Die, die niemand sieht
Ferris’ feste Freundin Sloane Peterson schwänzt an diesem Tag genauso wie Ferris und Cameron. Sie sitzt im Auto, im Restaurant, im Museum, auf dem Umzugswagen. Sie riskiert dabei dasselbe.
Wie sie überhaupt aus dem Unterricht kommt, lohnt einen genauen Blick. Cameron ruft in der Schule an, gibt sich als ihr Vater aus und erfindet eine tote Großmutter. Rooney gibt sie frei. Ferris fährt vor und holt sie ab, ebenfalls als ihr Vater verkleidet.
Cameron-Darsteller Alan Ruck hat erzählt, wie diese Stimme entstanden ist. Hughes habe ihn gebeten, sich eine autoritäre Stimme für Sloanes Vater auszudenken, und er habe dafür Broderick imitiert, der wiederum ihren gemeinsamen Theaterregisseur imitiert habe. Die Stimme von Sloanes Vater ist also ein Schauspieler, der einen Schauspieler imitiert, der einen Regisseur imitiert. Drei Männer tief, und keiner davon ist ihr Vater.
Ihr freier Tag wird zwischen einer erfundenen Autorität, einer echten und einem Freund verhandelt. Sie sagt dabei wenig. Der Film inszeniert das als romantischen Coup, und ich habe es jahrzehntelang genauso gesehen.
Hinter der Kamera sah die Aufstellung ähnlich aus. Mia Sara war siebzehn, als sie besetzt wurde, Broderick war dreiundzwanzig, Ruck neunundzwanzig. Sie gibt bis heute kaum Interviews zu diesem Film, weil der Dreh für sie keine gute Erfahrung gewesen sei. Im Juni hat sie der Sunday Times doch eines gegeben und darin einen Satz über sich selbst gesagt, der ohne jede Anklage auskommt. Sie habe damals nicht die emotionale Reife gehabt, um mit den Egos der anderen umzugehen oder mit ihrem eigenen.
Dazu kommt etwas, das erst beim Zählen auffällt. Wir sehen Ferris’ Zimmer, Camerons Zimmer, Rooneys Büro, Jeanies Tag zu Hause und auf dem Revier. Sloane hat keinen eigenen Ort. Wir erfahren nicht, wo sie herkommt, wir sehen ihre Eltern nie, und was sie sich von diesem Tag erhofft, fragt niemand.
Am meisten sagt allerdings, was in vierzig Jahren aus dieser Figur geworden ist.
Über Cameron sind Essays geschrieben worden, über Rooney auch. Über Ferris gibt es inzwischen das eingangs genannte Buch und zum Jubiläum eine ganze Reihe längerer Texte. Über Sloane Peterson redet kaum jemand.
Und da komme ich mir selbst in die Quere. Ich kenne diesen Film seit meiner Jugend und habe ihn bestimmt fünfzig Mal gesehen. Die Frage, was Sloane an diesem Tag eigentlich wollte, stelle ich mir gerade zum ersten Mal.
Der Film gibt darauf nichts her. Er hat diese Frage nie vorgesehen.
Mia Sara hat die Schauspielerei später weitgehend aufgegeben. Auf ihrer Website steht heute, sie sei früher Schauspielerin gewesen, dann sei sie zur Vernunft gekommen und schreibe jetzt.
Der Einzige, der sich verändert
Cameron liegt am Morgen in einem abgedunkelten Zimmer und sagt, er sei krank. Er hat recht damit. Was er hat, sagt der Film nie. Kein Wort fällt. Kein Erwachsener fragt. Keine Figur benennt es.
Broderick und Ruck sprechen es inzwischen aus. Wie alle guten Komödien habe der Film ein ernstes Fundament, und Cameron sei zu Beginn wirklich depressiv und habe ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinem Vater. Und Ruck erzählt, er habe für die Szene im Kunstmuseum auf eigene Verluste zurückgegriffen.
Vierzig Jahre hat es gedauert, bis das jemand laut sagt. So hat man 1986 über so etwas geredet. Gar nicht.
Ich mag mir nicht ausmalen, wie sich damals ein Jugendlicher gefühlt hat, der Depressionen hatte. Kein Wort dafür, niemand, der fragt. Ein Vater, der nie auftaucht, und ringsherum Erwachsene, die entweder wegschauen oder den Falschen jagen. Das merkt man beim Blick auf den Mann, der an diesem Tag beruflich damit beschäftigt ist, zu prüfen, wer wirklich krank ist. Bei dem Jungen, der simuliert, kommt Direktor Rooney zum richtigen Ergebnis. Der Junge, der tatsächlich krank ist, sitzt im abgedunkelten Zimmer, und kein Erwachsener bemerkt, dass er fehlt.
Der Gatekeeper erwischt den Simulanten und übersieht den Kranken.
Wer hilft Cameron am Ende? Sein bester Freund, und der halt eher nebenbei. Hilfe kommt in diesem Film von keinem einzigen Erwachsenen mit einem Job.
Cameron verändert sich trotzdem. Er ist die einzige Figur, die diesen Film als eine andere verlässt, als sie ihn betreten hat. Am Ende entscheidet er, die Sache mit dem Auto zu übernehmen und seinem Vater gegenüberzutreten. Darin steckt der ganze Unterschied zu Ferris. Entwicklung kostet etwas.
Das Wort Depression wird heute zum Glück viel offener benutzt als damals. Ein Tabu ist es für viele Menschen trotzdem geblieben, sonst müsste ich hier nicht erklären, dass ein Teeniefilm von 1986 unter anderem ein Film über Depression ist.
Und es trifft nicht alle gleich. Das WHO-Regionalbüro für Europa hat 2020 untersucht, wie kulturelle Männlichkeitsnormen das Hilfesuchverhalten prägen. Ein zentraler Befund: Männer, die sich weniger stark mit traditionellen Männerrollen identifizieren, nehmen eher psychiatrische Hilfe in Anspruch. Die Psychiaterin Anne Maria Möller-Leimkühler formuliert es schärfer. Im traditionellen Männlichkeitsskript bedeute es Status-, Männlichkeits- und Identitätsverlust, eine Depression zuzugeben oder Hilfe zu suchen, und werde deshalb so lange wie möglich vermieden.
Wer konservativ sozialisiert ist, wie ich es war, hat also eine zusätzliche Hürde. Das Skript, das man gelernt hat, sieht für diesen Zustand schlicht kein Feld vor. Das ist die eine Hürde, und sie sitzt im Kopf. Die zweite kommt von außen, und sie wird gerade höher.
Seit Jahren wird in Deutschland an der Bedeutung und am Zugang zur Psychotherapie gedreht. 2018 wollte Jens Spahn eine gestufte und gesteuerte Versorgung einführen, also eine vorgeschaltete Stelle, die prüft, wie dringend jemand überhaupt behandelt werden muss. Der Widerstand war so groß, dass die Passage wieder aus dem Gesetz flog.
Aber jetzt gerade, ganz frisch, hat der Bundestag die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen budgetiert. Beschnitten trifft es besser. Als Teil des Beitragsstabilisierungsgesetz. Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung rechnet mit rund einem Viertel weniger Angeboten. Gesundheitsministerin Nina Warken begründet das damit, es brauche eine bessere Steuerung.
Cameron hatte 1986 kein Wort für seinen Zustand. Wer heute das Wort findet und wagt, es auszusprechen, findet als Nächstes eine Wartezeit. Und die wird jetzt noch länger. Was langsam ist, Geld kostet und keine guten Bilder produziert, steht in jedem Sparpaket weit oben.
Camerons Arbeit ist genau von dieser Sorte. Sie dauert, sie sieht nach nichts aus, und vorzeigen kann man sie schlecht. Ferris’ Tag dagegen ist gratis und spektakulär.
Und Cameron ist für mich genau deshalb der Held dieses Films.
Als Jugendlicher hätte ich das nie so gesagt. Da war Ferris die Figur, zu der ich aufschaute, und das war ja auch bequem. An Ferris kann man sich gefahrlos begeistern. Er kostet nichts.
Heute steht der andere im Vordergrund. Ferris hat einen schönen Tag, dann ist der Tag vorbei. Cameron geht abends anders nach Hause, als er morgens losgezogen ist.
Was ich an ihm mag, ist die Reihenfolge. Die Angst ist zuerst da, und er macht es trotzdem. Der Mut kommt danach.
Das ist die unspektakulärste Heldengeschichte, die ein Film über einen Schwänztag erzählen kann. Sie besteht daraus, dass ein Jugendlicher aufhört, sich zu ducken.
Und er ist der Einzige an diesem Tag, der etwas wirklich anschaut. Die anderen ziehen durch Chicago. Er bleibt vor einem Bild stehen.
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Was bleibt?
Life moves pretty fast. If you don’t stop and look around once in a while, you could miss it.
Hier ist er wieder, dieser Satz, der so zentral ist für den Film. Und er ist inzwischen auch ziemlich abgegriffen. Er steht in Jahrbüchern und auf Kaffeetassen, Barbara Bush hat ihn 1990 in einer Rede vor Absolvent*innen zitiert.
Und er stimmt trotzdem. In meinen Augen vermutlich noch deutlich mehr als 1986.
Unsere Welt dreht sich schneller, und das ist keine Stimmung. Auf der einen Seite exponentiell beschleunigende Technologie, deren Entwicklung sich alle paar Monate überschlägt. Auf der anderen ein entfesselter Finanzkapitalismus, der jedes Quartal ein bisschen mehr verlangt und die Ungleichheit bis in feudale Zustände oder gar darüber hinaus treibt. Dazwischen Menschen, die mitkommen sollen. Wer in so einer Lage nie anhält, kann irgendwann auch nicht mehr beurteilen, was um ihn herum eigentlich passiert.
Anhalten allein reicht allerdings nicht.
Ferris hält an. Er schaut sich um, findet alles großartig und liegt abends pünktlich im Bett. Umgeschaut hat er sich, verändert hat er nichts.
Cameron hält auch an. Es ist die gerade genannte Szene im Art Institute of Chicago. Wo er vor einem Bild stehenbleibt, während die anderen durch die Räume gehen. Georges Seurats „Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte”, zusammengesetzt aus unzähligen kleinen Punkten. Er schaut ein Kind darauf an, die Kamera rückt näher, und irgendwann ist das Gesicht kein Gesicht mehr. Alles zerfällt in Punkte.
Ferris schaut sich um. Cameron schaut hinein.
Und Cameron ändert an diesem Tag tatsächlich etwas. Er entscheidet, dass er sein Leben nicht länger um die Angst vor seinem Vater herumbauen will. Das kostet ihn etwas, und er macht es trotzdem.
Da liegt für mich die Hoffnung in diesem alten Film. Sie liegt nicht bei dem, der mit allem durchkommt. Sie liegt bei dem, der Angst hat und trotzdem etwas in Bewegung bringt.
Also ja, ab und zu anhalten. Ab und zu den Blick heben und schauen, was da eigentlich gerade passiert. Und dann die zweite Hälfte auch machen und entscheiden, was davon so bleiben soll. Und was du ändern möchtest. Und es dann am besten auch machen.
Wovor hast du zuletzt lange genug gestanden, um zu einer Erkenntnis zu kommen, vielleicht sogar in eine Bewegung der Veränderung?
Was auch immer es war, bleib’ dran!
Herzlichst André
In dieser Ausgabe geht es an mehreren Stellen um Depression. Falls dich das gerade selbst betrifft: Das Info-Telefon Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist unter 0800 33 44 533 erreichbar. Die TelefonSeelsorge berät rund um die Uhr, kostenfrei und anonym, unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
Noch eine gute Empfehlung
Während ich an dieser Ausgabe saß, ist ein Film in die Kinos gekommen, der ziemlich genau dasselbe macht wie ich hier. Nur mit deutschem Fernsehen statt mit einem amerikanischen Teeniefilm.
„Was haben wir gelacht” von Eva Müller und Isabel Schneider läuft seit dem 16. Juli und schaut zurück auf das Unterhaltungsfernsehen der Neunziger und frühen Zweitausender. Wetten, dass..?, die Harald Schmidt Show, später TV total (auch hier meine Confession: ich war großer Fan von allem). Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins erzählen, wie es war, in einer Branche zu arbeiten, in der Frauen als Beiwerk auftraten, als Pointe dienten und weiblicher Humor als Quotenkiller galt.
Ein Punkt aus dem Film ist mir aus der Berichterstattung hängengeblieben. Kroymann spreche darüber, wie Humor als gesellschaftlicher Machtfaktor funktioniere, unter anderem dadurch, dass Widerspruch gegen einen sexistischen Witz als humorlose Spielverderberei abgetan wurde. Auch da bekommt also, wer recht hat, ein hässliches Motiv.
Eine Kritik habe ich mitgenommen, die ich fair finde. Der Film bleibe stark beim Anekdotischen und erkläre wenig darüber, warum dieser Humor damals so gut funktionieren konnte.
Trotzdem, oder gerade deshalb. Ich halte es für gesund, dass wir gerade als Männer durch einen Prozess gehen, an dessen Ende die Einsicht steht, dass die Wut vieler Frauen nicht vom Himmel gefallen ist. Beim Fernsehen lässt sich das besonders gut nachvollziehen, weil alles aufgezeichnet wurde. Aus den Agenturen, Redaktionen und Vorstandsetagen derselben Jahre gäbe es vermutlich genug Material für eine zweite Doku. Nur eben ohne Archivbänder.
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