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#178: Das Schild aus dem Fenster - Carneys Davos-Rede, die Fragilität hegemonialer Macht und der US-Melian Moment
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heute mit einer Ausgabe, die sich mehr auf Gesellschaft und Politik fokussiert als auf Technologie.
Mich - und ich glaube auch viele andere Menschen, vielleicht dich genauso - hat in dieser Woche die Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos sehr beeindruckt. Auch, weil er nicht im luftleeren Raum spricht. In den Tagen vor Davos hat Trump Kanada mit Strafzöllen gedroht, Grönland als Kaufobjekt behandelt und den Panamakanal ins Visier genommen. Die Kulisse war gesetzt.
Und deswegen habe mich mal eingehender damit beschäftigt. Ich mag bedeutungsvolle, gehaltvolle und wichtige Reden sehr. Gerade und vor allem, weil es nicht so viele davon gibt. Und wir in Deutschland sind momentan ohnehin weit davon entfernt, bedeutende und gehaltvolle Reden hier bei uns im politischen Betrieb zu hören. Auch wenn an Carneys Rede nicht alles kritiklos durchzuwinken ist, so steht sie doch um Längen über dem, was wir bisher von unserem Kanzler gehört haben. Insgesamt und insbesondere wenn es um die Lage der Welt geht.
Grund genug, genauer hinzuschauen. Was hat Carney eigentlich erzählt? Und warum funktioniert diese Rede so gut, selbst wenn man ihre Grenzen sieht?
Wann hört man mal von Persönlichkeiten wie Thukydides oder Václav Havel in einer Rede eines amtierenden Regierungschefs? Und zwar als richtiges argumentatives Gerüst, nicht nur als Bildungsbürger-Dekoration. Das allein ist bemerkenswert… und gleichzeitig auch verdächtig. Wann hat zuletzt ein westlicher Staatsführer auf dem Weltwirtschaftsforum etwas gesagt, das sich zu lesen lohnt?
Die Grundsatzrede von Carney, seit wenigen Monaten kanadischer Premierminister, wird als Neuausrichtung der kanadischen Außenpolitik gelesen. Und als Botschaft an so viel mehr Länder als nur Kanada. Er proklamiert das Ende der regelbasierten internationalen Ordnung und ruft die Mächte mittlerer Größe oder Regionalmächte auf, gemeinsam eine neue, wertebasierte Autonomie zu entwickeln. Es gab Standing Ovation am Ende. Ungewöhnlich für Davos, heißt es.
Doch bevor allzu Euphorie einsetzt, sollten wir nicht vergessen, dass Carney als Davos-Mann über die Macht der Machtlosen spricht. Das ist eine Spannung, die man schon aushalten muss, wenn man die Rede auf sich wirken lässt.
Aber was hat er genau eigentlich für eine Geschichte erzählt?
Die Thukydides-Umkehrung
Carney eröffnet mit einem berühmten Zitat von Thukydides, ein aus aristokratischen Verhältnissen stammender athenischer Stratege und einer der bedeutendsten Historiker der griechischen Antike:
„Die Starken tun, was sie tun müssen und die Schwachen akzeptieren, was sie akzeptieren müssen.”
Stephen Miller, Trumps ideologischer Stichwortgeber, berief sich kürzlich auf diesen Satz als zeitlose Weisheit in einem unfassbaren und wütenden CNN-Interview:
„Wir leben in einer Welt, die von Stärke, Gewalt und Macht beherrscht wird. Das sind die ehernen Gesetze der Welt seit Anbeginn der Zeit.”
Das ist die Regierungsphilosophie von Trumps zweiter Amtszeit. Unverblümt, unironisch, stolz. Es ist das Credo der Schergen, die in der Trump-Administration teils offen, teils verdeckt die Strippen ziehen.
Was Carneys Rede in besonderer Weise wirkungsvoll macht und auf elegante Weise die Trump-Administration ins Visier nimmt - übrigens ohne sie je zu benennen - ist, dass er denselben Satz und Gedanken aufgreift. Er dreht ihre Bedeutung jedoch um.
Das Zitat stammt aus dem sogenannten Melierdialog. Das ist eine berühmte, bis heute diskutierte Textstelle aus Thukydides wichtigstem Werk Der Peloponnesische Krieg, in dem es um das grundlegende Verhältnis von Recht und Macht geht. Darin stellt Athen der kleinen Insel Melos ein Ultimatum: Unterwerft euch oder werdet vernichtet. Die Melier appellieren an Gerechtigkeit. Die Athener antworten mit dem berühmten Satz. Und sie vernichten Melos. Ein Jahr später dann startet Athen die Sizilienexpedition. Aus rückblickender Sicht ein Akt imperialer Hybris, der einen massiven Teil seiner Flotte und Armee zerstört. Die Bündnispartner, müde der athenischen Arroganz, wittern Schwäche und revoltieren. Innerhalb eines Jahrzehnts hat Athen schließlich den Krieg verloren. Seine Mauern werden geschleift, sein Imperium aufgelöst.
Was hier ganz wichtig ist: Der Melierdialog ist keine Bestätigung eines ehernen Gesetzes der Machtpolitik. Er erzählt keine Geschichte von Stärke, denn schließlich geht es um Athen im Moment maximaler Hybris. Der Melierdialog zeigt stattdessen den Punkt, an dem eine Großmacht so überzeugt von ihrer Unbesiegbarkeit ist, dass sie ihre eigenen Grenzen nicht mehr wahrnimmt.
Und das ist das bedeutende. Und wohl auch wenig überraschende. Dass die selbsternannten Realisten um Trump und Miller eine für klar denkende Menschen deutlich erkennbare Warnung als Bestätigung lesen. Sie verstehen ihr eigenes Lieblingszitat nicht. Nun ja…
Maximum confidence, minimum self-knowledge
Die Sizilianische Katastrophe war kein Pech aus Sicht der Athener. Dieselbe Hybris, die sie dazu brachte, Diplomatie als irrelevant für die Starken abzutun, führte auch zu der Überzeugung, Sizilien erobern zu können.
Das Scheitern der Selbsterkenntnis – die Unfähigkeit, die eigenen Grenzen zu sehen, oder schlimmer: sich selbst für ausgenommen zu halten – ist das, was Großmächte zerstört. Wenn es eine zeitlose Lektion aus dem Peloponnesischen Krieg gibt, dann diese. Aber das ist nicht die Lektion, die Trump oder Miller begriffen oder gar internalisiert haben. Trump fehlt das Interesse an Geschichte; Miller fehlt die Fähigkeit, sie zu lesen.
Mark Carney scheint darauf zu wetten, und stellt das in seiner Rede heraus – meiner Einschätzung nach zu Recht –, dass die USA unter Trump nun ihren Melian Moment erreicht haben. Maximales Selbstvertrauen bei minimaler Selbsterkenntnis. Trumps Obsession mit Zöllen als Druckmittel setzt permanente Asymmetrie voraus. Mit der Annahme, dass die USA wirtschaftliche Integration unbegrenzt als Waffe einsetzen können, während ihre Ziele keine andere Wahl haben als zu gehorchen.
Die Havel-Fragilität
Und hier kommt Carneys zweiter intellektueller Zug in seiner Rede zum Tragen. Er greift Václav Havels Essay „Die Macht der Mächtigen oder Die Macht der Machtlosen” auf und aus ihr die Figur des Gemüsehändlers.
Jeden Morgen hängt dieser Gemüsehändler ein Schild in sein Fenster: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!” Er glaubt nicht daran. Niemand glaubt daran. Aber er hängt das Schild auf, um Ärger zu vermeiden, um Angepasstheit zu signalisieren, um durchzukommen. Und weil jeder Ladenbesitzer in der Straße dasselbe tut, hält das System. Nicht durch die subtile oder offene Gewalt, die totalitäre Herrschaftssysteme anwenden. Vielmehr durch die Teilnahme gewöhnlicher Menschen an Ritualen, von denen sie im Privanten wissen, dass sie falsch sind.
Carneys Argument in diesem Kontext: Jahrzehntelang haben mittlere oder regionale Mächte wie Kanada den Gemüsehändler gespielt. Sie hängten das Schild „rules-based international order” ins Fenster. Sie wussten, dass die Geschichte teilweise Fiktion war. Sie wussten, dass die Stärksten sich Ausnahmen gönnten, Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden, Völkerrecht je nach Identität des Angeklagten unterschiedlich streng angewandt wurde.
Aber es war eine nützliche Fiktion, solange die amerikanische Hegemonie öffentliche Güter lieferte: offene Seewege, stabiles Finanzsystem, globalen Handel, kollektive Sicherheit, Rahmen zur Streitbeilegung. Es bot schwächeren Staaten ein Gefühl von Stabilität oder zumindest Gründe zur Fügsamkeit. Nicht immer, aber oft genug, um das Schild im Fenster zu lassen.
Carney sagt:
„This bargain no longer works. We are in the midst of a rupture, not a transition.”
Bruch. Nicht Wandel. Das ist die entscheidende Markierung.
Die spezifische Fragilität
Was Havel wusste und was die MAGA-Triumphhalisten offensichtlich vergessen haben oder noch nie wussten: Macht, die auf performed compliance beruht, ist fragil auf eine spezifische Weise. Sie hängt von der fortgesetzten Bereitschaft der Machtlosen ab, weiter mitzuspielen.
In dem Moment, in dem der Gemüsehändler sein Schild abnimmt, beginnt die Illusion zu bröckeln. Sein Akt der Verweigerung offenbart, dass das ganze Gebäude auf einer stillschweigenden Übereinkunft ruht. Für Länder wie Kanada bestand ihr Teil der Übereinkunft darin, die teilweise Heuchelei der liberalen Ordnung zu ignorieren, um die Vorteile kooperativer Koexistenz zu ernten. Aber das hält nur, solange der Hegemon kooperative Koexistenz möglich macht.
Die selbsternannten Pragmatisten, die „the strong do what they can” zitieren, stellen sich das als stabiles Gleichgewicht vor. Es ist für sie eine Beschreibung, wie Macht für immer funktioniert. Aber die Athener, die den Meliern das Ultimatum stellen, waren keine weisen Staatsmänner mit klarem Blick. Sie waren Männer, berauscht von der eigenen Macht. Bereit, in die Katastrophe zu segeln.
Hegemonen können ihre Beziehungen nicht endlos monetarisieren. Jeder Akt der amerikanischen Nötigung dürfte die Erosion der Compliance beschleunigen, die Amerikas globale Ordnung für alle Beteiligten funktionsfähig machte. Verbündete werden sich ihre passenden Strategien suchen. Sie werden diversifizieren um sich gegen Unsicherheit abzusichern. Carneys sagt, „wenn du nicht am Tisch sitzt, stehst du auf der Speisekarte.” Seine Formel dagegen lautet „value-based realism". Moralische Rhetorik, verschmolzen mit harter Interessenpolitik. Das heißt konkret Dinge wie Verwundbarkeit reduzieren, flexible Koalitionen statt starrer Blöcke, eigene Institutionen schaffen, Optionen aufbauen.
Für Unternehmen und Märkte bedeutet das: solche Versicherung gegen geopolitische Risiken wird kostspielig, sie ist aber unvermeidlich. Diversifikation von Lieferketten, Re-Shoring, strategische Lagerhaltung. Es wäre der Weg vom naiven Globalismus zur machtbewussten Resilienzökonomie.
Das Havel-Paradoxon
Das klingt für mich plausibel. Etwas besseres fällt mir auch nicht ein. Ist also alles gut wenn und wie sich Carney hier so klar aufstellt? So gut und passend ich seine Worte und rhetorischen Mittel auch finde, so sehr muss ich aber auch eine Einordnung ansprechen, ohne die jede Wertung unvollständig bliebe.
Wir sollten nicht vergessen, dass Havel als Dissident unter totalitärer Herrschaft sprach. Carney spricht als demokratisch gewählter Regierungschef auf dem Weltwirtschaftsforum. Dem Inbegriff jener Elitenkreise, die von der alten Ordnung profitierten.
Was bedeutet „das Schild aus dem Fenster nehmen”, wenn man selbst zu denen gehört, die die Schilder ursprünglich mal verteilt haben? Ketzerisch könnte man sagen, dass die Elite in Davos nicht unbedingt gegen die Unterordnung ihrer Länder oder ihrer Leute kämpft, sondern möglicherweise vielmehr gegen ihre eigene Position in der Hierarchie der Eliten.
Ist das unfair? Ich denke nicht. Carney benennt die Fiktion der rules-based order, aber er stellt weder grundlegende Eigentums- noch Klassenverhältnisse in Frage. Seine Agenda – Verteidigungsverdopplung, industriepolitische Hochskalierung, strategische Autonomie – lässt sich auch als Modernisierung imperialer Machtpolitik mit liberalem Anstrich lesen. Ein „hegemonic adjustment”, keine Systemkritik.
Ich denke, dass das nicht die Schärfe seiner Diagnose schmälert. Aber es markiert sehr wohl ihre Grenzen.
Die Bühne und die Adressaten
Was Carneys Auftritt zusätzlich wirksam macht: Er hat nicht nur etwas bedeutendes gesagt. Er hat auch und vor allem ein Ritual gestört. Trump kam nach Davos, um sich krönen zu lassen. Die Inszenierung war angelegt als königliche Prozession. Der Hegemon erscheint, die Eliten beugen das Knie, die Welt sieht zu und versteht, wer jetzt das Sagen hat. Nicht die Einschüchterung selbst zählt bei solchen Ritualen, es zählt, dass alle gleichzeitig sehen, wie alle eingeschüchtert werden. Carney hat dieses Ritual gebrochen. Er verwandelte Trumps geplante Krönungszeremonie in einen Moment des öffentlichen Widerspruchs. Das ist ein entscheidendes Accomplishment. Nicht nur der Inhalt seiner Worte, auch wo und wann er sie sprach.
Es lohnt sich auch, genauer darüber nachzudenken, wer genau das hören sollte? Gehört haben ihn natürlich viele. Vor Ort. In aller Welt. Aber an wen richtete sich der Appell am allermeisten? Ich habe da meine Theorie:
Europa, zuerst. Die wiederholten Havel-Zitate sind für mich kein Zufall. Sie adressieren das europäische Gewissen, stoßen die Zaudernden vor die Brust. Die meisten im Raum flirten ganz sicher noch mit dem Ansatz: durchhalten, bis ein „normaler” Präsident zurückkehrt. Carneys Botschaft aber ist, dass das keine sinnhafte Strategie mehr ist. Es geht nicht um Trump als Person. Es geht um die systemische Fragilität, die sein Aufstieg offengelegt hat.
Davos selbst. Die Standing Ovation sollte man einordnen. Hier applaudiert eine Elite, die um ihre Position in einer sich verschiebenden Ordnung kämpft.
Kanada, schließlich. Nach Jahren diplomatischer Zurückhaltung ist diese Rede auch der Versuch, eine eigenständige Stimme zu finden. Ob das gelingt, ist offen.
Die Nicht-Nennung Trumps in der ganzen Rede ist dabei Kalkül. Die Kritik wird auf diese Weise universalisierbar. Sie wird anwendbar auf jeden Hegemon, der seine Beziehungen zu monetarisieren versucht. Diplomatischer Spielraum bleibt gewahrt.
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Noch eine offene Frage zum Schluss
Die produktive Spannung bleibt. Carneys Rede ist intellektuell anspruchsvoll und mutig in der Diagnose. So oder so erfrischend und wichtig. Ob die Rhetorik in konkrete Politik übersetzt werden kann, ist aber eine andere Frage. Ob Kanada – oder irgendeine andere mittlere Macht – bereit ist, den Preis für tatsächliche Autonomie zu zahlen, eine dritte.
Wir sollten uns deshalb nicht zu früh freuen. Was in Davos passiert ist, war ein gewonnenes Gefecht, kein gewonnener Krieg. Trump wird versuchen, die Kontrolle über das Narrativ zurückzugewinnen. Das versucht er bereits. Aber die hier aufgezeigte smarte Umkehrung des Macht-Narrativs, hat gezeigt, was den selbsternannten Realisten in der US-Regierung offensichtlich entgeht:
„The strong do what they can, until the moment they discover that ‘what they can’ was always bounded by what others were willing to tolerate. Athens found out in Sicily; the question is where America finds out.”
Für mich steht fest, dass wir dort hinkommen werden. Amerika ist nicht stark. Es ist laut. Stärke zeigt sich nicht im Drohen, sondern im Aufbau von etwas, das andere freiwillig mittragen.
Und ja, hier hat ein Davos-Mann über die Macht der Machtlosen gesprochen. Aber wer soll auf solchen Bühnen auch sonst sprechen? Die Machtlosen haben dort keinen Zugang. Umso wichtiger, dass es überhaupt ausgesprochen wird. Von jemandem, der Gehör findet, und sei es im Prozess seiner eigenen Läuterung.
Hätte ich mir eine solche Rede von meinem eigenen Regierungschef gewünscht? Natürlich. Was ich von ihm stattdessen höre: Zögern. Appeasement-Reflexe. Oder, abseits von Weltbühnen-Themen, die Beschimpfung des eigenen Volkes als fauler Pöbel. Das ist keine Antwort auf diesen Moment. Das kreiert kein Zukunftsbild, auf welches viele Menschen zuschreiten wollen.
Carneys Rede liefert ein Zukunftsbild. Unvollkommen, begrenzt, von einem Mann mit eigenen Interessen. Aber eine Antwort. Das ist mehr, als wir von den meisten hören.
Das können auch mittlere Mächte. Das können auch wir. Wenn wir das Schild abnehmen. Und anfangen zu bauen.
Bleibst du dran und baust mit? 💪
Das war es für heute. Danke für deine Aufmerksamkeit!
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