đŻ #DRANBLEIBEN (Deep-Dive)
#150: White Collar. Dark Power. Faschismus im 21. Jahrhundert.
Diese Ausgabe ist keine leichte. Sie ist kein optimistischer Blick auf Technologie, Gesellschaft oder Zukunft. Sondern ein tiefgehender Versuch, etwas beim Namen zu nennen, das sich viele nicht trauen, auszusprechen: Wir erleben derzeit eine moderne Wiederkehr faschistischer Herrschaftsstrategien. Besonders sichtbar in den USA, aber keineswegs nur dort.
Was auf den ersten Blick wie absurde Inkompetenz wirken mag â junge, unerfahrene MĂ€nner, die zentrale Ămter ĂŒbernehmen â folgt in Wirklichkeit einem alten, gefĂ€hrlichen Muster. Ich habe recherchiert, gelesen, verglichen. Und versucht, die FĂ€den zusammenzufĂŒhren. Ich hoffe, ich kann dir das zumuten. Ich freue mich ĂŒber deine Gedanken, deine Kritik, deine ErgĂ€nzungen.
AuswĂŒchse des modernen faschistischen Playbook: Was gerade in den USA geschieht
Warum ich ĂŒber dieses Thema schreibe
Bevor ich in dieses durchaus schwer verdauliche Thema eintauche, möchte ich kurz darlegen, warum ich mich ĂŒberhaupt damit beschĂ€ftige. Und warum jetzt. In den vergangenen Monaten haben sich bei mir mehrere EindrĂŒcke, Gedanken und LektĂŒren zu einem drĂ€ngenden GefĂŒhl verdichtet: Dass wir etwas erkennen und benennen mĂŒssen, was (viel zu) viele nicht wahrhaben wollen.
Ausgelöst wurde das einerseits durch die beunruhigenden politischen Entwicklungen in vielen LĂ€ndern. In den USA, Ungarn, Polen, etc. Aber auch in Deutschland, wo der Rechtsruck an Fahrt aufnimmt. Ich habe angefangen, intensiver ĂŒber Autoritarismus und Faschismus zu lesen. Dazu gehören BĂŒcher wie:
How Fascism Works: The Politics of Us and Them (Jason Stanley)
On Tyranny: Twenty Lessons from the Twentieth Century (Timothy Snyder)
Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten: TagebĂŒcher 1933-1945 (Victor Klemperer)
Elemente und UrsprĂŒnge totaler Herrschaft: Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus (Hannah Arendt)
Mein GroĂvater, der TĂ€ter: Eine Spurensuche (Lorenz Hemicker)
Opa war kein Nazi (Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall)
Und dann kamen â vor allem seit der gewonnenen Wahl Trumps und seiner RĂŒckkehr ins Amt â aus den USA immer mehr haarstrĂ€ubende Berichte, insbesondere rund um die neue DOGE-Behörde (âDepartment of Government Efficiencyâ).
ArtikelĂŒberschriften wie:
The Young, Inexperienced Engineers Aiding Elon Muskâs Government Takeover (WIRED)
The young techies behind DOGE are a lightning rod for criticism but also a youth magnet for the GOP (WTOP News)
Elon Muskâs âBig Ballsâ Doge Staffer Reportedly Ran Tech Support for a Cybercrime Ring (Gizmodo)
Donât let Elon Muskâs crew at DOGE off the hook just because theyâre Zoomers (Fast Company)
âBig Ballsâ Is Officially a Full-Time Government Employee (Wired)
Linda McMahon, wrestling industry billionaire, confirmed as US education secretary (The Guardian)
Linda McMahon flubs basic facts in Senate budget hearing (MSNBC)
Education Secretary Linda McMahon confuses AI with A1 (USA Today)
Education secretary talks about administration efforts to dismantle her department (ABC3340)
âŠwĂŒrden sich auch in einer dystopischen Polit-Satire nicht absurder ausnehmen. Doch es sind reale Entwicklungen. Mit realen Konsequenzen.
Ein weiterer Impuls kam schlieĂlich bei der re:publica 25, wo ich Natascha Strobls Vortrag ĂŒber postmodernen Faschismus besuchte (ich habe darĂŒber berichtet). Eine zentrale Folie hat sich mir eingebrannt. Strobl sprach ĂŒber die Rolle des Terrors in faschistischen Systemen. Nicht nur als physische Gewalt, sondern als permanenter Zustand der EinschĂŒchterung, DemĂŒtigung und institutionellen Zersetzung.
Ich erinnerte mich dabei an Passagen aus den verschiedenen BĂŒchern, in denen u.a. beschrieben wird, wie zur Zeit des Nationalsozialismus gezielt die Unqualifiziertesten, aber Eifrigsten und moralisch Formbarsten in Machtpositionen gehoben wurden. Besonders auch auf der untersten Ebene. Der schlimmste, einfĂ€ltigste SchlĂ€ger aus der Nachbarschaft wurde plötzlich Ortsvorsteher. Und niemand war mehr sicher.
Das kam mir in den Sinn, als ich die Berichte ĂŒber DOGE las. Nur dass es heute keine SchlĂ€gertrupps sind, sondern white collar-Akteure. Junge, unerfahrene, maximal loyale MĂ€nner â oft ohne jede Qualifikation â erhalten SchlĂŒsselpositionen, um Behörden nicht nur zu âreformierenâ, sondern gezielt zu demontieren. Ziel ist nicht nur die Entlassung, sondern die Demoralisierung und Traumatisierung von Beamt*innen. Und das ist keine bloĂe Vermutung â es steht so im Plan. In einem Mother Jones-Bericht heiĂt es explizit: âPut Them in Trauma.â Das ist der Auftrag von Russel Vought, Trumps Ex-Haushaltschef, fĂŒr die aktuelle Regierung.
Diese Mischung aus dokumentierter Strategie, historischen Mustern und gegenwĂ€rtiger RealitĂ€t hat mich nicht mehr losgelassen. Und so habe ich begonnen, einige FĂ€den zusammenzufĂŒhren â in diesem Deep-Dive. Ja, es ist ein schwer verdauliches Thema. Aber es ist wichtig. Ich hoffe, dass es dir weiterhilft.
Unerfahrene Hardliner*innen in SchlĂŒsselpositionen
Als Tiefenbohrung zu den gerade skizzierten Berichten, zeige ich mal drei exemplarisch besonders sprechende auf.
âThe Intern in Chargeâ: Meet the 22-Year-Old Trumpâs Team Picked to Lead Terrorism Prevention
gelesen bei Pro Republica - von Hannah Allam
Man stelle sich vor, eine der wichtigsten Anti-Terror-Behörden eines Landes wird plötzlich von einem 22-jĂ€hrigen Neuling geleitet. Von einem frischgebackenen Uni-Absolventen ohne jede Erfahrung in nationaler Sicherheit. Genau das geschieht derzeit in den USA: Thomas Fugate, ein ehemaliger Trump-Wahlkampfmitarbeiter und Praktikant der erzkonservativen Heritage Foundation, wurde von der Regierung Trump ins Heimatschutzministerium befördert. Dort ĂŒberwacht er nun das zentrale Programm zur TerrorismusprĂ€vention (Center for Prevention Programs and Partnerships, CP3). Inklusive der Verantwortung fĂŒr ein Förderbudget von 18 Millionen Dollar. Fachleute sind fassungslos, denn Fugates bisher gröĂter FĂŒhrungsnachweis war der Posten eines âGeneralsekretĂ€rsâ in einem Model-UN-Club wĂ€hrend des Studiums. âDas klingt, als hĂ€tte man den Praktikanten zum Chef gemachtâ, spottet ein Counterterrorism-Experte. Gleichzeitig hĂ€ufen sich in den USA AnschlĂ€ge, von Autobomben in Kalifornien bis zu SchĂŒssen auf Botschaftsangehörige in Washington. Und ausgerechnet jetzt degradiert die Regierung das Terrorabwehr-Programm zur Nebensache, schichtet Personal ab und ersetzt erfahrene Leute durch Nachwuchsloyalisten.
A 23-Year-Old Crypto Bro Is Now Vetoing NSF Grants While Staring At His Water Bottle
gelesen bei TechDirt - von Mike Masnick
Ein zweites Beispiel: In der Wissenschaftsförderung mischt plötzlich ein 23-jĂ€hriger âCrypto-Broâ namens Zachary Terrell mit. Er fungiert als eine Art politischer Kommissar im Forschungsfonds NSF (National Science Foundation) und maĂt sich an, peer-review-geprĂŒfte Förderzusagen mit einem Daumen nach unten zu stoppen. Alondra Nelson â hochrangige Wissenschaftlerin und bis vor kurzem selbst im National Science Board â berichtet entsetzt, wie Terrell wĂ€hrend Sitzungen gelangweilt mit seiner Wasserflasche spielte und anschlieĂend bereits bewilligte Projekte im System blockierte. Terrell gehört zum DOGE-Team, dass hier und anderswo agiert wie eine Axt im Staatsapparat: Hunderte Forschungsstipendien wurden auf einen Schlag gekĂŒndigt, kurz nachdem der NSF-Direktor entnervt zurĂŒcktrat. Mitarbeitende staatlicher Behörden erhalten plötzlich Angebote fĂŒr FrĂŒhverrentung, weil âUmstrukturierungenâ und âBudgetkĂŒrzungenâ ins Haus stehen. Selbst die angesehene Direktorin der Nationalbibliothek, Carla Hayden, wurde per formloser E-Mail (âDear Carla...â) aus dem Amt geworfen. Offiziell wegen vermeintlicher âVerfehlungenâ wie der Förderung von Vielfalt in ihrer Bibliotheksarbeit. Diese DemĂŒtigung einer verdienten Fachfrau â und bezeichnenderweise der ersten Afroamerikanerin in diesem Amt â passt ins Bild: Es lĂ€uft eine SĂ€uberungswelle gegen Expert*innen, die nicht ins ideologische Schema passen.
FEMA staff baffled after head said he was unaware of US hurricane season, sources say
gelesen bei Reuters - von Leah Douglas, Ted Hesson and Nathan Layne
Und als wĂ€re das nicht genug, sorgte Anfang Juni der neue Chef der US-Katastrophenschutzbehörde FEMA, David R. Bibo, fĂŒr entsetzte Reaktionen. In einem internen All-Hands-Meeting erklĂ€rte er, er sei sich nicht bewusst gewesen, dass offiziell gerade Hurrikansaison ist. Obwohl seine Behörde FEMA dafĂŒr verantwortlich ist, genau solche Naturkatastrophen vorzubereiten. Mitarbeitende berichteten anonym, wie âkollektive Verwirrung und Panikâ ausbrachen. âEr wusste es nicht?â, fragte eine entsetzte Kollegin gegenĂŒber Reuters. Bibo wurde von der Trump-Regierung ohne vorherige Konsultation der Behördenleitung eingesetzt. Vorbei an erfahrenen Katastrophenschutz-Profis. Auch hier das Muster: fehlende Qualifikation, ideologische NĂ€he und ein schockierender Mangel an Verantwortungsbewusstsein.
FĂŒr viele Menschen, die von diesen Geschichten hören, mögen solche VorgĂ€nge unverstĂ€ndlich, oder wie bloĂe Inkompetenz oder bizarrer Verwaltungsirrsinn wirken. Doch in Wahrheit folgt hier alles einem faschistischen Playbook. LoyalitĂ€t wird ĂŒber Fachkompetenz gestellt. Wichtige Institutionen werden gezielt zersetzt. Angst und Unsicherheit breiten sich wie ein politisches Gift aus. Im Folgenden möchte ich versuchen, genauer darzustellen, was die Faschismusforschung dazu sagt. Welche historischen Parallelen es gibt. Und warum das, was derzeit in den USA geschieht, eindeutig Elemente faschistischer Herrschaft trĂ€gt. Aber was bedeutet ĂŒberhaupt Faschismus?
Was bedeutet Faschismus?
Der Begriff Faschismus gilt als schweres GeschĂŒtz. Und wird deshalb in öffentlichen Debatten entweder vorschnell gezĂŒckt oder allzu zögerlich vermieden. WĂ€hrend manche ihn inflationĂ€r verwenden und so entwerten, herrscht in anderen Kontexten, insbesondere in groĂen ĂŒberregionalen Medien und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, eine auffĂ€llige sprachliche ZurĂŒckhaltung. Wohl aus Angst vor Gleichsetzungen, historischer Ăberdehnung oder dem Vorwurf der Alarmistik wird hĂ€ufig um den Kern herumformuliert. Selbst wenn Entwicklungen beobachtbar sind, die in ihrer Strategie, Dynamik und Wirkung eindeutig faschistische ZĂŒge tragen.
Gerade deshalb ist es wichtig, den Begriff nicht nur korrekt, sondern auch mutig anzuwenden Und zu zeigen, worin das Faschistische heute besteht. Was macht eine faschistische Strategie aus? Welche Werkzeuge nutzt sie? Klassische Merkmale faschistischer Bewegungen wurden etwa vom italienischen Schriftsteller Umberto Eco herausgearbeitet. In seinem Essay âUr-Fascismâ (1995) beschreibt er 14 Kernelemente des Faschismus. Zwei davon stechen im diesem konkreten Kontext hervor: Erstens die Vergötzung der Tat und der anti-intellektuelle Affekt. Faschisten propagieren âHandeln um des Handelns willenâ: oft völlig sinnlose und sabotierende Aktionen, die nicht hinterfragt werden dĂŒrfen. Reflexion und Expertise gelten wenig. Intellektuelle Diskussion wird als hinderlich oder dekadent abgetan. Diese Anti-IntellektualitĂ€t geht einher mit irrationalem Aktionismus, der sich hĂ€ufig in Angriffen auf moderne Kultur und Wissenschaft zeigt. Zweitens erklĂ€rt Eco: âWiderspruch ist Verrat.â In faschistischen Systemen wird Kritik systematisch delegitimiert. Wer widerspricht, macht sich verdĂ€chtig. Dadurch entsteht ein Klima, in dem LoyalitĂ€t zum FĂŒhrerprinzip wichtiger ist als Wahrheit oder Kompetenz. (siehe weitere Details hier)
Weitere definierende Elemente sind die Feindbilder und Gewaltbereitschaft faschistischer Ideologien. Der US-Politologe Robert Paxton definiert Faschismus als eine Form des politischen Verhaltens, das von einer obsessiven Vorstellung von nationaler Erniedrigung und einem Kult der Einheit und Reinheit getrieben ist. Umgesetzt von einer Massenpartei extrem nationalistischer Militanter, die bereit sind, demokratische Freiheiten aufzugeben und ohne rechtliche Schranken und mit reinigender Gewalt ihre Ziele der âinneren SĂ€uberungâ und Ă€uĂeren Expansion voranzutreiben. Zwar treten moderne Abwandlungen oft ohne offen paramilitĂ€rische AufmĂ€rsche auf, doch der Kern â die Abschaffung der Demokratie zugunsten autoritĂ€rer Macht â bleibt. Rechtsextremismus-Forscherin Natascha Strobl (eingangs erwĂ€hnt) spricht in diesem Zusammenhang von âpostmodernem Faschismusâ (eine Erscheinungsform, die auf klassische Symbolik verzichtet, aber neue digitale und wirtschaftliche Machtmittel nutzt). Dieser zeige sich weniger im historischen Outfit (keine offenen Schwarzhemden oder Hakenkreuze), nutze aber neue Werkzeuge wie digitale Medien und Unternehmensstrukturen, um das Gleiche zu erreichen. NĂ€mlich die Demontage demokratischer Strukturen. FĂŒr Strobl steht feast, dass wir aktuell Zeugen eines regelrechten Destruktionsprojekts sind. Zitate: âDie neue US-Regierung unter Trump wird die USA handlungsunfĂ€hig machen... Wir werden die komplette Nivellierung all dessen sehen, was an demokratischer Struktur besteht⊠von den Gesetzen bis zur Verfassungâ. Faschismus heute bedeutet also, die demokratische Ordnung mit allen Mitteln zu zersetzen, auch wenn es nach auĂen technokratisch oder legalistisch daherkommt. (siehe weitere Details hier)
Historische Parallelen: Taktiken faschistischer Herrschaft
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass faschistische Regime immer eine Doppelstrategie verfolgten: Aufbau eines loyalen Machtapparats auf den Ruinen der alten Institutionen, gekoppelt mit der Erzeugung von Terror und Verunsicherung in der Bevölkerung.
Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiĂ, dass im Deutschland der 1930er Jahre unmittelbar nach Hitlers MachtĂŒbernahme die sogenannte Gleichschaltung begann. Unliebsame Beamte, Richter*innen, Professor*innen und Offiziere wurden massenhaft entfernt und durch linientreue ParteigĂ€nger ersetzt. Ein berĂŒchtigtes frĂŒhes Beispiel ist das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (April 1933). Dieses Gesetz schloss âNichtarierâ (also vor allem jĂŒdische Beamt*innen) und politische Gegner*innen aus dem Staatsdienst aus. Binnen Monaten verloren tausende hochqualifizierte BĂŒrger*innen ihre Posten. Unter ihnen Weltklasse-Wissenschaftler*innen wie Albert Einstein (der ins Exil ging) oder top-bezahlte Verwaltungsjurist*innen. Entscheidend ist: Es ging den Nazis nicht darum, Positionen mit kompetenteren Leuten neu zu besetzen, sondern einzig um ideologische KonformitĂ€t. TatsĂ€chlich bĂŒĂte Deutschland dadurch enormes Know-how ein. Doch Hitler nahm das billigend in Kauf. Viel wichtiger war ihm, dass ab sofort keine unabhĂ€ngigen Köpfe mehr in SchlĂŒsselĂ€mtern saĂen, die sich seinem radikalen Kurs widersetzen konnten. LoyalitĂ€t vor Leistung lautete die Devise. Ein Muster, das wir nun wiedererkennen.
Junge, fanatisierte MĂ€nner bekamen im Dritten Reich frĂŒh Verantwortung ĂŒbertragen, sofern sie unbedingten Gehorsam versprachen. Die NS-Bewegung stilisierte die Jugend geradezu als Garant fĂŒr HĂ€rte und Erneuerung. Man denke an die Hitlerjugend oder die frĂŒhen SchlĂ€gertrupps der SA, in denen oft 20-JĂ€hrige das Sagen hatten. SA-Chef Röhm betonte mehrmals intern in Parteikreisen: âBedenkt, fast vier Millionen Rabauken stehen hinter mir!â Ăltere, erfahrene EntscheidungstrĂ€ger wurden misstrauisch beĂ€ugt oder schnell abgesĂ€gt, sofern sie nicht auf Linie waren. Dieses Prinzip â Ersetzung des etablierten Personals durch radikalisierte Neulinge â erhöhte die Kontrollierbarkeit der Institutionen. Gleichzeitig verbreitete es Angst: Keiner konnte sich seines Postens sicher sein. Kompetenz schĂŒtzte nicht nur nicht vor Rauswurf, wenn man ideologisch nicht passte. Kompetenz allein machte einen zum Objekt von Argwohn.
Auch Mussolinis Italien und Franco-Spanien zeigten Ă€hnliche Muster. Mussolini ersetzte gewĂ€hlte BĂŒrgermeister durch treue PodestĂ (Faschisten, oft ohne Verwaltungsqualifikation). Franco-Spanien entlieĂ nach dem BĂŒrgerkrieg massenhaft republikanische Lehrer und Beamte, ersetzte sie durch Gefolgsleute und Mitglieder der Falange. Das Ziel war immer zweierlei:
1. Die Machtapparate von innen heraus umbauen, sodass kein Widerspruch mehr möglich ist.
2. Durch willkĂŒrliche Personalentscheidungen ein Klima der Angst schaffen. Jeder wusste, dass nicht Können zĂ€hlte, sondern LoyalitĂ€t, und dass ein falsches Wort die Karriere (oder das Leben) ruinieren konnte.
Das faschistische Playbook im 21. Jahrhundert: Die USA und darĂŒber hinaus
Ich springe zurĂŒck ins heutige Amerika. Was wir unter Trump 2.0 sehen, ist diese historische Choreographie in neuem Gewand. Das Department of Government Efficiency (DOGE) ist fĂŒr mich der moderne Hammer der Gleichschaltung. Offiziell soll diese Musk-Taskforce âEffizienzâ herstellen. Aber de facto werden damit unliebsame Projekte und Personen abgerĂ€umt. Wie in den 1930ern dient ein vorgeblicher Reformwille â damals âWiederherstellung der Berufsehreâ, heute âEffizienzâ â nur als Deckmantel fĂŒr politische SĂ€uberungen. Expert*innen sprechen hier von authoritarian knowledge management: AutoritĂ€re versuchen, Wissensinfrastruktur und Verwaltung so zu kontrollieren, dass nur noch genehme Erkenntnisse und loyale Mitarbeitende ĂŒbrig bleiben. Der Preis ist die Entkernung der Institutionen. Alondra Nelson, auf die ich eingangs eingegangen war, beschreibt die US-Wissenschaftsbehörde NSF inzwischen als hohle Fassade: Auf dem Papier existiert das National Science Board weiter, aber seine Funktion sei âstrategisch neutralisiertâ worden. Beratergremien dĂŒrfen zwar reden, haben aber faktisch nichts mehr zu melden. Entscheidungen fallen im Hinterzimmer durch ideologisch befangene Laien. Das erinnert fatal an âParallelstrukturenâ in faschistischen Regimen, wo Parteibeauftragte den staatlichen Institutionen vor die Nase gesetzt wurden.
Die Vereinigten Staaten sind kein Einzelfall. Ăhnliche Taktiken lassen sich in anderen LĂ€ndern mit autoritĂ€ren FĂŒhrern ebenso beobachten. In Brasilien etwa hatte der ultrarechte Ex-PrĂ€sident Jair Bolsonaro renommierte Wissenschaftler und Beamte geschasst, sobald deren Fakten seinen Behauptungen widersprachen. Als ein staatliches Institut alarmierende Abholzungsraten im Amazonas meldete, nannte Bolsonaro die Satellitendaten âLĂŒgenâ und feuerte den Leiter der Raumfahrtbehörde INPE, Ricardo GalvĂŁo. Damit wurde ein deutliches Zeichen gesetzt: Fakten zĂ€hlen nicht. LoyalitĂ€t zur Linie schon. In Ungarn hat Viktor OrbĂĄn systematisch die Judikative, MedienrĂ€te und UniversitĂ€tsleitungen mit Gefolgsleuten besetzt, um jede kritische Stimme zu ersticken. Und in Polen tauschte die PiS-Regierung in den letzten Jahren Hunderte Posten in Ministerien und Staatsbetrieben aus, oft zugunsten unerfahrener NachwuchskrĂ€fte aus dem eigenen Milieu, die vor allem durch eines glĂ€nzten: Kadertreue. Diese FĂ€lle zeigen, dass das faschistische Playbook anpassungsfĂ€hig ist. Mal tritt es brutal-militĂ€risch auf, mal als bĂŒrokratische Revolution in Nadelstreifen. Aber die DNA ist dieselbe.
Zersetzung und Terror in Nadelstreifen: Warum das alles?
Warum setzen faschistische und ultrarechte Regime auf diese scheinbar kontraintuitive Strategie, Inkompetenz an verantwortliche Stellen zu hieven? Die erschreckende Wahrheit: Gerade die Inkompetenz ist hier kein Bug, sondern Feature. Unerfahrene, ideologisch verblendete FunktionĂ€re hinterfragen Befehle nicht. Im Gegenteil, sie fĂŒhren rĂŒcksichtslos aus. Ihnen fehlt das Wissen, um Gefahren abzuschĂ€tzen oder moralische Skrupel aus fachlicher Ethik heraus zu entwickeln. So jemand wie der 22-jĂ€hrige Fugate im DHS merkt möglicherweise gar nicht, welche LĂŒcken er in der Terrorabwehr reiĂt. Wichtig ist ihm nur, den Auftrag seines Mentors (Stephen Miller? Elon Musk? Trump selbst?) zu erfĂŒllen. âDisagreement is treasonâ. Jede abweichende EinschĂ€tzung gilt als Verrat, hat Eco geschrieben. Folglich werden Leute bevorzugt, die gar nicht erst auf die Idee kommen, zu widersprechen. Das Ergebnis ist ein Kadavergehorsam, den erfahrene Profis so nie leisten wĂŒrden.
Gleichzeitig entfalten solche Personalrochaden eine Schockwirkung. Sie traumatisieren nicht körperlich wie StraĂengewalt, aber psychologisch. BeschĂ€ftigte im öffentlichen Dienst erleben DemĂŒtigung und Verunsicherung: Heute wird die angesehene Bibliothekschefin per Einzeiler gefeuert, morgen ein verdienter Wissenschaftler als âzu wokeâ an den Pranger gestellt. Das Playbook funktioniert:
White House officials wanted to put federal workers âin trauma.â Itâs working. (Washington Post)
âI am going through hellâ: Federal workers describe mental trauma through layoffs (WAMU 88.5)
Mental health issues ripple through the federal workforce with firings (NPR)
Helping federal workers manage the uncertainty of a chaotic work environment (American Psychological Association)
Dieses White-Collar-Terror-Klima fĂŒhrt dazu, dass viele aus Angst kuschen oder von selbst kĂŒndigen. Alondra Nelson (siehe oben) schildert, wie gewissenhafte Mitarbeitende trotzdem âtapfer weiterzumachenâ versuchten. Bis ihnen klar wurde, dass ihre IntegritĂ€t in diesen umgekrempelten Institutionen zur Farce verkommt. Genau das ist beabsichtigt: kompetente Menschen so frustrieren, dass sie das Feld rĂ€umen. Was bleibt, ist eine loyale Restbelegschaft und ein Publikum, das dem Staat immer weniger zutraut.
Zudem erzeugt diese Chaosstrategie bewusst Raum fĂŒr den starken Mann: Wenn zentrale Institutionen nicht mehr funktionieren â etwa Terrorabwehr, Gesundheitsbehörden oder die Justiz â entsteht ein Vakuum, das autoritĂ€re Machtversprechen fĂŒllen sollen. In den USA hĂ€ufen sich wieder AnschlĂ€ge, doch statt professioneller GegenmaĂnahmen liefert die Regierung einfache SĂŒndenböcke: Migrant*innen, linke âWokeâ-Eliten, Demokrat*innen im âdeep stateâ. Das Dog-Whistle-Signal dabei: âSeht her, die liberale BĂŒrokratie versagt. Wir mĂŒssen durchgreifen.â Der Kreis schlieĂt sich: Die absichtlich herbeigefĂŒhrte Verwaltungskrise wird dann zum Vorwand fĂŒr noch autoritĂ€rere Eingriffe.
Besonders perfide zeigt sich das Muster auch im Umgang mit Naturkatastrophen und Klimarisiken in den USA. Der gezielte Abbau von Expertise in Bereichen wie Wetterbeobachtung, Sturmwarnsystemen und Klimaforschung schwĂ€cht nicht nur den Bevölkerungsschutz, sondern zielt auf etwas Tieferes: die Verunsicherung der Gesellschaft als Dauerzustand. Wenn selbst Grundlagen wie die Hurrikan- oder Tornado-Vorhersage sabotiert werden â durch Mittelstreichungen, Entlassungen, Desinformation oder offene Ignoranz wie beim neuen FEMA-Direktor (siehe oben) â dann verliert die Bevölkerung das Vertrauen in Vorsorge und Wissenschaft. Unsicherheit wird zum politischen Werkzeug.
Faschistische Systeme brauchen genau das: Ausnahmezustand, Kontrollverlust, Orientierungslosigkeit. Die Strategie besteht nicht nur darin, auf Krisen zu reagieren, sondern Krisen durch institutionelle Sabotage erst entstehen zu lassen. Um anschlieĂend als einziger Akteur mit âLösungenâ aufzutreten. Was wie Schlamperei aussieht, ist oft KalkĂŒl: Wer Sturmwarnsysteme kaputtspart oder ihre GlaubwĂŒrdigkeit untergrĂ€bt, sorgt nicht nur fĂŒr gröĂere Katastrophen. Sondern auch fĂŒr mehr Angst, AbhĂ€ngigkeit und Machthunger.
Fazit: Den Faschismus der Gegenwart erkennen
Viele Menschen und viele Medienschaffende tun sich schwer, das viel bedeutendere F-Wort (vs. das, was damit eigentlich mal gemeint war) auf aktuelle Entwicklungen anzuwenden. Zu sehr ist es fĂŒr sie verknĂŒpft mit den historischen Bildern von Schwarzhemden und FĂŒhrerfiguren in Schwarz-WeiĂ. Doch Faschismus ist kein historisch abgeschlossenes PhĂ€nomen, sondern ein Wiederkehrer in wandelbarer Gestalt. Was wir in den USA unter Trump erleben, erfĂŒllt nach allem, was ich dazu recherchieren und beurteilen kann, zentrale Kriterien faschistischer Herrschaft. Die systematische Zerstörung demokratischer Institutionen, den Angriff auf Wissen und Wissenschaft, die Erniedrigung und Ausschaltung von Fachleuten zugunsten bigott-loyaler Kader, das SchĂŒren von Terror (sei es auf der StraĂe oder am Schreibtisch), und einen aggressiven Autoritarismus, der keine abweichende Meinung duldet.
Natascha Strobl betonte auf der re:publica, wir lebten inzwischen in einem âdystopischen Romanâ, der leider RealitĂ€t geworden sei. Tech-Mogule wie Elon Musk sitzen in der ersten Reihe und leisten Beihilfe, wĂ€hrend ein rechtsextremer PrĂ€sident im WeiĂen Haus die Axt an die Grundlagen der Demokratie legt. Diese moderne Variante des Faschismus verzichtet vielleicht auf manche alte Symbolik, aber nicht auf dessen Instrumente: EinschĂŒchterung, WillkĂŒr, LĂŒgenpropaganda und letztlich â wenn nötig â Gewalt. Es ist höchste Zeit, die Facetten faschistischen Terrors in ihrer heutigen Form klar zu benennen. Nur so lĂ€sst sich begreifen, dass ein 23-jĂ€hriger Krypto-Dude, der Forschungsprojekte verhindert, oder ein Praktikant, der ĂŒber Terrorabwehr entscheidet, keine schrulligen Ausrutscher einer Administration sind, sondern Teil eines Plans. Eines Plans, der darauf abzielt, die liberale Demokratie von innen heraus zu sabotieren und die Bevölkerung in einen Zustand permanenter Verunsicherung zu versetzen.
Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Aber sie reimt sich. (so lautet ein Bonmot, das - wohl fĂ€lschlich - Mark Twain zugeschrieben wird) Wenn wir den Reim erkennen, den uns diese Ereignisse vorbuchstabieren, dĂŒrfen wir nicht wegsehen. Es mag kein Marsch in Braunhemden durchs Brandenburger Tor sein. Aber die Gefahr ist real und gegenwĂ€rtig. Faschismus kann auch im Anzug und mit Laptop daherkommen. Kann heute wie ein Praktikum aussehen. Wie ein Algorithmus. Wie ein Kabinettsbeschluss. Doch seine verheerende Wirkung, die Zerstörung von Rechtstaat und menschlicher WĂŒrde, bleibt dieselbe. Es liegt an uns, diese Zeichen zu erkennen. Wir sollten verdammt genau hinschauen. Und wir sollten ihm entschlossen entgegenzutreten, bevor es zu spĂ€t ist. Lasst uns hier dranbleiben!
P.S. Diese Geschichte hier ist schon ziemlich umfangreich. SelbstverstĂ€ndlich hĂ€tte ich sie noch vertiefen können, und darĂŒber sprechen, was genau Musk und das DOGE-Team dort gemacht haben, bzw. weiter tun. Wie sie die Daten aller BĂŒrger*innen sammeln und zusammenfĂŒhren. Und damit KI-Systeme fĂŒttern. Und ein autoritaristisches Panoptikum ermöglichen. Und, und, und... Aber diese Details erzĂ€hle ich ein anderes Mal.
Das war es fĂŒr dieses Mal. Habt - trotz des leider nicht sehr aufbauenden Themas dieser Ausgabe - ein schönes Wochenende. Und einen guten Start in die neue Woche! Bis zum nĂ€chsten Mal!





