📬 #DRANBLEIBEN (Reading Digest)
#177: Rückzug, Gewöhnung, Anpassung, Strategieschwäche – wie sichern wir trotzdem demokratische Zukunft?
Du liest #DRANBLEIBEN - Einordnungen zu Tech und Gesellschaft, von André Cramer. Ich bin Berater, Speaker und Podcast-Host von DRANBLEIBEN - Gespräche über unsere Zukunftsoptionen und Code & Konsequenz - Tech-Industrie Reflexionen. Lerne mehr über mich hier auf meiner Website, auf LinkedIn, Bluesky oder Mastodon!
Hallo, schön dass du wieder dabei bist!
Nach dem Podcast mit Babak Zeini in der vergangenen Woche ist dies die erste reguläre #DRANBLEIBEN-Ausgabe des Jahres. Und sie fühlt sich früher notwendig an, als mir lieb ist.
Der Schwerpunkt liegt diesmal fast vollständig auf Politik, Weltlage und Demokratie. Wohl aus einer gewissen Zwangsläufigkeit heraus. Die Entwicklungen der letzten Wochen lassen kaum Raum für thematische Ablenkung. Zu vieles passiert gleichzeitig. Zu vieles greift ineinander.
Das neue Jahr ist mit einer Wucht gestartet, die viele von uns irritiert zurücklässt. In Gesprächen, Feeds und Kommentarspalten taucht immer wieder derselbe halb ironische, halb erschöpfte Satz auf: Es wird langsam Zeit, dass 2026 auch bald zu Ende geht. Dieser Humor trägt Müdigkeit in sich. Und das Gefühl, dass Orientierung gerade schwerfällt.
Die Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro durch die USA markiert einen völkerrechtlich heiklen Einschnitt, der politisch erstaunlich schnell relativiert wurde. Die ICE-Razzien in Minnesota zeigen, wie tief staatliche Härte inzwischen in den Alltag in den USA hineinreicht. Offene Drohungen im Kontext von Grönland bewegen sich in einem Tonfall, der noch vor Kurzem als undenkbar gegolten hätte. Zusammengenommen ergibt sich ein Bild, das beunruhigt.
Vor diesem Hintergrund möchte ich in dieser Ausgabe einige besonders kluge und differenzierte Texte teilen. Beiträge, die analytisch bleiben, ohne zu verharmlosen. Die Zusammenhänge sichtbar machen, ohne einfache Beruhigungen anzubieten. Texte, die helfen, Entwicklungen einzuordnen und größere Linien zu erkennen.
Wir müssen genauer hinsehen. Es verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Und das verlangt nach Aufmerksamkeit, Urteilskraft und Haltung. Meine Idee ist es, hier ein paar Texte zu kuratieren, die helfen, ein wenig besser durchzublicken.
Vielleicht ist was für dich dabei!
Donnie und der Dammbruch
gelesen bei Jan Skudlarek
Worum geht’s?
Der von mir sehr geschätzte Philosoph und politische Autor Jan Skudlarek nimmt die Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro durch die USA zum Anlass, um eine grundsätzliche Frage zu stellen: Was passiert mit internationaler Ordnung, wenn mächtige Staaten beginnen, Recht, Souveränität und Gewalt selektiv auszulegen? Skudlarek argumentiert dabei bewusst nicht vom moralischen Charakter Maduros her, sondern vom Völkerrecht. Und zeigt dabei, warum genau das entscheidend ist.
Warum relevant?
Weil seit den ungeheuerlichen Vorgängen in Venezuela ein erstaunliches Schulterzucken in der restlichen, auch westlichen Welt zu beobachten ist. Ja, einerseits wird herumgeeiert, weil niemand eine kohärente und ethisch tragfähige Strategie hat, wie mit Trump und den USA umzugehen ist. Andererseits scheinen manche Regierungen und Kommentator*innen aber auch Beschwichtigungsnarrativen auf den Leim zu gehen oder sie gleich selbst zu produzieren. Maduro sei schließlich ein „Bad Guy“.
Trumps Vorgehen wirkt in dieser Logik nur dann harmlos, wenn man das Gesamtkonstrukt nicht zu Ende denkt. Denn würde man dieses Argument akzeptieren, ließe es sich nicht widerspruchsfrei verallgemeinern. Jede Großmacht könnte künftig selbst definieren, wer ein „Bad Guy“ ist und entsprechend handeln. Was dabei gern vergessen wird: Staatliche Souveränität ist keine diplomatische Höflichkeitsregel. Sie ist die funktionale Grundlage globaler Friedensordnung. Ihre selektive Missachtung führt nicht zu mehr Gerechtigkeit, sondern zu internationaler Anarchie.
Skudlarek arbeitet präzise heraus, warum das „Der hatte es doch verdient“-Argument moralisch bequem, aber politisch brandgefährlich ist. Es erzeuge eine schiefe Ebene. Grenzüberschreitungen werden wahrscheinlicher, leichter legitimierbar und immer schwerer einzudämmen. Dass westliche Politikeri*nnen und Kommentator*innen diesen Dammbruch relativieren oder gar begrüßen, wertet Skudlarek als normatives Versagen. Und auch satirische oder scherzhafte Gedankenspiele über weitere Entführungen seien alles andere als harmlose Ventile. Sie seien ein Symptom dafür, dass sich das politische Koordinatensystem bereits gefährlich verschoben hat.
Für mich ist der zentrale Punkt das wiederkehrende Muster, das Skudlarek – mit Verweis auf frühere Trump-Äußerungen – auf den Punkt bringt: „They let you do it.“ Dieser Ausspruch wurde bekannt durch sein Access Hollywood Video. Trump überschreitet Grenzen so lange, wie man ihn lässt. Systematisch. Das ist kein Versehen.
Am Ende geht es deshalb nicht um Venezuela allein. Es geht um die Zukunft des Völkerrechts, um internationale Verlässlichkeit und um demokratische Selbstbehauptung. Skudlareks Must-Read-Essay ist ein klarer Aufruf zum politischen und zivilgesellschaftlichen Widerspruch: Don’t let him do it. Das unterstreiche ich mit Nachdruck.
The Price of American Authoritarianism: What Can Reverse Democratic Decline?
gelesen bei Foreign Affairs - von Steven Levitsky, Lucan A. Way und Daniel Ziblatt
Worum geht’s?
Wo Jan Skudlarek den politischen Dammbruch beschreibt, analysieren Steven Levitsky, Lucan A. Way und Daniel Ziblatt, wie es dazu kommen konnte und was rundherum passiert. In diesem Text beschreiben sie nachvollziehbar, wie sich ein politisches System Schritt für Schritt in Richtung Autoritarismus verschiebt. Entscheidend ist dabei der Umbau demokratischer Spielregeln aus dem Inneren des Systems heraus.
Ausgangspunkt ist die Wiederwahl von Trump im Jahr 2024. Viele politische Eliten fühlten sich damals auf der sicheren Seite. Die Wahl war ja formal demokratisch. Die Institutionen hatten Trumps erste Amtszeit überstanden. Aber diese Annahmen hielten der Realität nicht stand. Schon im ersten Jahr der zweiten Amtszeit bewegten sich die USA klar in Richtung eines kompetitiv-autoritären Systems, vergleichbar mit Venezuela, Ungarn, der Türkei oder Indien. Allerdings in bemerkenswerter Geschwindigkeit und Tiefe.
Warum relevant?
Der Text arbeitet präzise heraus, wie autoritäre Macht heute funktioniert. Sie entfaltet Wirkung, bevor offene Gewalt nötig wird. Medien verändern ihre Berichterstattung. Spender ziehen sich zurück. Institutionen vermeiden Konflikte. Der zentrale Mechanismus ist Selbstzensur. Unsichtbar, aber politisch hochwirksam. Nicht geschriebene Artikel, nicht eingereichte Klagen und ausbleibende Spenden verschieben das Spielfeld schleichend zugunsten der Regierung. Levitsky, Way und Ziblatt beschreiben das als eine Form stiller Kooperation, die aus Angst, Vorsicht oder Erschöpfung entsteht.
Der wichtigste Befund liegt für mich aber an einer anderen Stelle. Die größte Gefahr für Demokratien sei Resignation. Sobald Bürger*innen, Medien, Parteien und Organisationen den Eindruck gewinnen, Widerstand bringe ohnehin nichts mehr, beginne Autoritarismus sich selbst zu stabilisieren. Und das wird massiv befördert durchzwei zentrale Fallen: Complacency, die Verharmlosung autoritärer Entwicklungen, und Fatalismus, der Glaube, der Ausgang stehe längst fest.
Vielleicht geht es dir ähnlich wie mir und du schwankst in der Einschätzung, wie aussichtslos die Lage in den USA tatsächlich ist. Ich merke bei mir selbst, wie stark diese Bewertung von Tagesform, Nachrichtenlage und Erschöpfung abhängt. Umso mehr schätze ich, dass Levitsky, Way und Ziblatt bewusst auf Untergangsrhetorik verzichten. Sie beschreiben die USA als ein Land in einer autoritären Phase, aber noch kein Endzustand. Wahlen blieben umkämpft, Gerichte handlungsfähig, föderale Gegenmacht vorhanden. Entscheidend sei weniger die Stärke der Regierung als die Ausdauer der Opposition.
Demokratie, so die simple, aber eindringliche Schlussfolgerung, verschwinde selten in einem einzigen Moment. Sie erodiert, wenn sich zu viele zurückziehen. Ob der autoritäre Preis dauerhaft gezahlt wird, hängt davon ab, ob genügend Menschen weiter handeln, als ob ihr Einsatz noch zählt. Weil er – vorerst – genau das tut. Er zählt! Ich hoffe sehr, dass die (hoffentlich vorhandene) Mehrheit in den USA nicht nur dranbleibt, sondern noch viel deutlicher hörbarer wird.
From Statecraft To Soulcraft: How the world’s illiberal powers like Russia, China and increasingly the U.S. rule through their visions of the good life.
gelesen bei NOEMA - von Alexandre Lefebvre
Worum geht’s?
Ging es gerade darum, wie sich Demokratien strukturell in Richtung Autoritarismus verschieben können, geht Politik- und Philosophie-Professor Alexandre Lefebvre mit dieser Betrachtung einen Schritt tiefer. Ihn interessiert weniger das institutionelle Wie als das ideelle Warum. Sein Ausgangspunkt: Der liberale Mainstream unterschätzt systematisch die normative Tiefe illiberaler Regime, weil sie dort gern auf Machtgier, Zynismus oder blanken Autoritarismus reduziert werde.
Lefebvre widerspricht dieser Sicht aber entschieden. Illiberale Systeme seien nicht wertelos. Im Gegenteil, sie seien wertgesättigt. Russland, China, Indien – und zunehmend auch die USA – verfügten über klare moralische, kulturelle und spirituelle Leitbilder, an die sie aufrichtig glauben. Genau diese Überzeugungen machten ihre Projekte stabil, attraktiv und mobilisierend. Wer sie allein als repressiv oder propagandistisch beschreibe, verfehle ihren inneren Antrieb.
Warum relevant?
Lefebvre liefert eine sehr treffende analytische Verschiebung. Er zeigt, dass moderne Machtpolitik sich immer stärker um Fragen des guten Lebens dreht. Staaten begnügen sich nicht mehr damit, Ordnung zu sichern oder Wachstum zu organisieren. Sie greifen gezielt in Selbstbilder, Werte und Lebensentwürfe ihrer Bürger*innen ein. Lefebvre nennt das „Soulcraft“ und meint damit die bewusste Formung von Charakter, Moral und Sinn.
Besonders aufschlussreich finde ich seine Analyse der USA. Programme wie Project 2025 liest Lefebvre nicht als neoliberales Abbauprojekt, für ihn ist es Ausdruck eines amerikanischen Perfectionismus. Ziel ist ein Staat mit klarer moralischer Ausrichtung. Familie, Religion und traditionelle Normen sollen aktiv gefördert werden. Verwaltung, Bildung (fraglich dann, dass RFK Jr. schalten und walten darf… aber dafür gibt es andere Gründe) und Gesundheit werden als Instrumente kultureller Prägung verstanden. Liberale Institutionen sollen nicht abgeschafft, sondern funktional umgewidmet werden. Der Staat wird zur Erziehungsinstanz.
Lefebvre lehnt diese illiberalen Projekte politisch strikt ab. Gleichzeitig begegnet er ihnen aber mit bemerkenswerter analytischer Ehrlichkeit. Er erkennt ihre emotionale, moralische und existenzielle Kraft an. Auf mich hat das teils irritierend, stellenweise verstörend gewirkt. Aber ich bin der Meinung, wer diese Bewegungen nur verachtet, versteht sie nicht. Und wer sie nicht versteht, kann ihnen politisch nichts entgegensetzen.
Am Ende richtet Lefebvre den Blick zurück auf den Liberalismus selbst. Er fordert liberale Demokratien auf, ihre Gegner endlich ernst zu nehmen. Strategisch und normativ. Ohne ein Verständnis konkurrierender Vorstellungen vom guten Leben bleibe liberale Politik blind für das, was ihr entgegengesetzt wird. Sie reagiere zu spät, zu defensiv, oft nur noch verwaltend.
Die entscheidende Frage unserer Zeit lautet für Lefebvre deshalb: Wer definiert das gute Leben, und mit welcher Legitimität? Solange Liberale diese Frage meiden oder für erledigt erklärten, würde sie das Feld jenen überlassen, die sehr konkrete, wenn auch zutiefst problematische Antworten anbieten.
Sein Vorschlag eines neuen „Colloquium“-Dialogs zielt genau darauf. Dabei handelt es sich nicht um ein Konsensprojekt oder eine Einladung zur Relativierung illiberaler Politik, wie man vielleicht erwarten würde oder auch aus anderen Kontexten kennt (und scheitern gesehen hat). Es soll ein bewusster Ort der Auseinandersetzung sein. Ein Raum, in dem unterschiedliche moralische Ordnungen sichtbar gemacht, geprüft und auch zurückgewiesen werden können. Für Lefebvre liegt darin eine Chance: Liberale Demokratien könnten so ihre eigene normative Sprache wiederfinden. Eine Sprache jenseits von Technokratie, Abwehrreflexen und bloßer Verwaltung des Status quo.
Gerade darin liegt für mich der hoffnungsvolle Kern dieses Textes. Wer versteht, dass es hier um konkurrierende Vorstellungen vom guten Leben geht, kann beginnen, wieder politisch zu sprechen. Und vielleicht auch wieder zu streiten. Offen, normativ und mit eigener Überzeugung.
Warum deutsche Millennials strategisches Denken lernen müssen
gelesen bei Internationale Politik - von Ulrike E. Franke
Worum geht’s?
Dieser Text ist bereits 2021 erschienen und ich habe ihn selbst erst vor wenigen Wochen entdeckt. Ich war überrascht, wie gut er immer noch, bzw. sogar noch viel besser als damals, in die gegenwärtige Lage passt und packe ihn daher gerne noch hierzu. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike E. Franke analysiert darin mit „den Millennials” eine Generation, die in einer historischen Ausnahmesituation aufgewachsen ist. Stabilität, Frieden und politische Kontinuität galten lange als Normalzustand. Diese Erfahrung habe das politische Denken deutscher Millennials tief geprägt. Und bereite ihnen heute zunehmend Probleme. (Ich als GenX-er, der noch deutlicher eine andere Welt - wenn auch in Kindheitstagen - erlebt hat, tue mich übrigens ebenfalls nicht leicht mit dem Wandel).
Das, was die Millennial-Generation internalisiert habe, sei vor allem bestimmt vom Multilateralismus, der Entmachtung des Militärischen, verlässliche Bündnisse und ein berechenbares internationales Umfeld. Historische Bedingungen, die sich gerade sichtbar auflösen. Vor diesem Hintergrund wirkten geopolitische Machtkämpfe auf viele Millennials befremdlich, anachronistisch oder moralisch suspekt.
Warum relevant?
Franke beschreibt präzise, wie daraus eine außenpolitische Denkhaltung entstanden ist, die Machtpolitik sehr skeptisch betrachtet. Militärische Fähigkeiten gelten eher als Relikt denn als legitimes politisches Instrument. Außenpolitik wird vor allem über Werte, Freundschaften und Institutionen gedacht. Allianzen werden verteidigt, ohne ihre Zweckmäßigkeit regelmäßig zu überprüfen. Das sei gut gemeint, reiche aber nicht mehr aus.
Gerade hier liegt für mich die Stärke dieser Analyse. Franke formuliert hier eine sehr berechtigte Kritik an deutscher außenpolitischer Denkfaulheit. Die Fixierung auf bewährte Rezepte wie transatlantische Beziehungen oder EU-Erweiterung wird nämlich dann problematisch, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Unsere Beziehung zu den USA wandelt sich dramatisch. Und die EU ist nicht automatisch geopolitisch handlungsfähig. Wer unter diesen Bedingungen allein am Status quo festhält, hat noch keine Strategie.
Der zentrale Punkt von Franke ist dabei bemerkenswert klar: Die größte Schwäche deutscher Millennials sei kein Mangel an Moral, sondern ein Mangel an Strategie. Wer in einer Welt wachsender Machtkonkurrenz ausschließlich normativ denke, riskiere eben politische Handlungsunfähigkeit. Strategisches Denken bedeute hier nicht Abkehr von Werten. Es sei die Voraussetzung dafür, sie überhaupt schützen zu können.
Für mich schließt sich hier der Kreis zu den vorherigen Texten. Wer den Dammbruch ignoriert, Resignation zulässt oder die normative Kraft illiberaler Projekte unterschätzt, bleibt reaktiv. Frankes Text ist deshalb in meinen Augen auch kein Generations-Bashing, es ist ein nüchterner Appell zur geistigen Nachrüstung. Um handlungsfähig zu bleiben in einer Welt, die weniger bequem ist als die, in der viele von uns politisch sozialisiert wurden. So traurig das auch ist. Es ist leider die Realität.
#DRANBLEIBEN ist für dich kostenlos, für mich steckt da aber jede Menge Arbeit und Herzblut drin. Wenn du Lust hast, mich dabei ein bisschen zu unterstützen: Ich freue mich über jeden Support. Den kannst du z.B. über ein freiwilliges kostenpflichtiges Abo geben oder über eine kleine Spende für einen Kaffee.
Was bleibt?
Wenn ich auf die letzten Wochen schaue, wirkt fast alles fragil. Dinge, die lange als verlässlich galten, fühlen sich immer unsicherer an. Entscheidungen werden schneller getroffen. Grenzen schneller verschoben. Und bei vielen Menschen macht sich ein Gefühl breit, das irgendwo zwischen Erschöpfung und Rückzug liegt.
In den Texten dieser Ausgabe ging es um Grenzüberschreitungen die schrittweise normal werden. Um politische Dynamiken, die kippen, immer öfter ohne großes Drama. Und darum, wie leicht der Punkt erreicht sein kann, an dem Menschen anfangen, innerlich abzuschalten.
Ein weiterer Gedanke zieht sich durch alle Beiträge: Die politischen Projekte, die gerade an Einfluss gewinnen, sind in sich geschlossen. Sie liefern (einigen, leider zu vielen) Menschen Orientierung. Sie bieten ihnen klare Antworten (und seien sie auch noch so unredlich und verlogen). Sie formulieren sehr konkrete Vorstellungen davon, wie ein gutes Leben aussehen soll. Wer das unterschätzt, versteht ihre Wirkung nicht.
Für uns in Europa ergibt sich daraus eine Aufgabe, die mit Haltung zu tun haben muss, noch mehr aber mit Klarheit und Entschlossenheit. Denn Werte sind vorhanden. Demokratische Erfahrung auch. Was uns an vielen Ecken fehlt, ist strategische Schärfe. Interessen benennen, Optionen durchdenken und Entscheidungen vorbereiten. Ohne diese Arbeit wird vieles folgenlos bleiben.
Und es ist wohl klar, dass wir in Europa ab jetzt auf uns selbst angewiesen sind. Washington wird nichts für uns regeln. Peking erst recht nicht. Das ist eine nüchterne Ausgangslage. Ich finde, Realismus ist der erste Schritt zur Stärke.
Europa hat Substanz. Wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich. 2026 ist das Jahr, in dem wir anfangen müssen, sie viel gezielter einzusetzen.
Bitte bleib’ mit dran dabei!
Noch ein paar Snippets zum Schluss
U.S. would reach 100% renewable energy by 2148 at recent pace (pv Magazine)
Rate mal, wer (aus freien Stücken) seine Energie-Zukunft aufs Spiel setzt? Hier gibt es ein interessantes Chart, welches schonungslos offenlegt, wie sehr die USA gerade ihre Energie-Zukunft verspielen. Hier drücken sich die unterschiedlichen Strategien der USA und China in harten Zahlen aus. Ich habe meine Meinung gemacht, wer hier die smartere Strategie fährt. Die Frage ist nur, wie sehr wir uns in Europa aus dem fossilen Würge- und Erpressungsgriff der USA lösen können und werden.
AI Is Inventing Academic Papers That Don’t Exist — And They’re Being Cited in Real Journals (Rolling Stone)
Künstliche Intelligenz erfindet wissenschaftliche Studien. Und echte Fachjournale zitieren sie munter weiter. Was als Studententrick begann, hat sich zu einem stillen Virus im akademischen Betrieb entwickelt: Fake-Quellen, sauber formatiert, glaubwürdig klingend, aber komplett erfunden. Einmal veröffentlicht, zitieren sich diese Phantomstudien gegenseitig und waschen sich so den Anschein von Seriosität rein. Forschende, Bibliotheken und Suchmaschinen helfen unfreiwillig mit, während niemand mehr genau weiß, was eigentlich noch wahr ist. Pflichtlektüre für alle, die glauben, das größte KI-Problem sei ein schlechter Schreibstil… und nicht die schleichende Erosion von Wissen selbst.US-Behörden suchen entflohene Affen: Wie KI ihre Arbeit erschwert (t3n)
In St. Louis entpuppen sich entlaufene Grünmeerkatzen als doppelte Bedrohung . Sowohl auf der Straße als auch im Netz. Während Einsatzkräfte versuchen, die echten Tiere aufzuspüren, fluten KI-generierte Affenvideos die sozialen Plattformen: rauchende Primaten, Affen beim Autodiebstahl, Selfies mit Affen inklusive. Der digitale Zirkus wirkt harmlos, sabotiert aber ganz real die Arbeit der Behörden, weil Hinweise und Fälschungen kaum noch zu trennen sind. Was nach einem TikTok-Fiebertraum klingt, ist ein praktisches Problem für Polizei und Rettungskräfte. Willkommen im Jahr 2026, in dem man nicht mehr nur Spuren lesen muss, sondern auch Deepfakes aussortiert… und Realität zur verifizierungsbedürftigen Option wird.
Das war es für heute. Bitte leite oder empfehle den Newsletter doch gerne weiter ➡️ ✉️ - das würde mir sehr helfen. Danke dir für die Aufmerksamkeit und bis zum nächsten Mal!







